Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Alljudentum und Zionismus
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 625 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119812-3121378--1155-3121445- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
624 F. M. K aufmann, Alljuden tum und Zionismus das nationalkulturelle Leben getroffen haben. Hier sei nur angedeutet, daß sich die Grundlagen der jüdischen Gesellschaft in den letzten 50 Jahren trotz allem politischen Druck und allen unvermeidlichen Erschütterungen einer derartigen Uebergangszeit ungeheuer verfestigt haben. Die Exterritorialität des Nationallebens verliert im 20* Jahrhundert nicht nur für die Wirtschaft, sondern ganz besonders für dia langsam aufwachsende weltliche Kultur der Juden ihre bedrohenden Wirkungen. Das jüdische Wirtschaftsleben hat sich im Zeitalter des Kapitalismus immer mehr Zweige der Produktion erobert und wird unabhängig von territorialen Machthabern, Damit werden, anwachsende Massen früher assimilierbarer Händler- und Kleinhandwerkerschichten den Faktoren der Assimilation entzogen. Aus den neuen Konzentrationspunkten, aus dem bunten Gewirr von Organisationen und gesellschaftlichen Neubildungen jeder Art hört man deutlich das Hämmern an den neuen Formen jüdischen Massenlebens und einer neuen jüdischen Lebensgestaltung. Die steigende wirtschaftliche und soziale Differenzierung der jüdischen Gesellschaft, das Inerscheinungtreten tiefgreifender Klassengegensätze in ihrem Innern bringt mehr und mehr von den Spannungen zur Entladung, die sich in der Ruhe der letzten Jahrhunderte angesammelt haben. * Bis zu einer Schilderung auch nur der wichtigsten hierher gehörenden Vorgänge im jüdischen Kulturleben darf ich diese Arbeit leider nicht abbiegen lassen. Es ist das auch kaum nötig. Jüngst hat noch Mathias Acher in breit angelegter Untersuchung begonnen, das neue Werden der ostjüdischen Kultur aus ihren Grundlagen heraus zu deuten,1) Und das hier Gesagte genügt, um zu erkennen, wie stark das jüdische Volk in seinen heutigen Positionen wurzelt, wie in deren Grenzen die Linie der Volksentwicklung verläuft. Rußland, Galizien, Amerika, ja selbst der spaniolische Golus hat seinen Schwerpunkt in sich selbst. Da ist keine wirtschaftliche, geistige oder kulturelle Kraft, die nach Palästina hin gravitiert Spricht man aber von den Aufgaben, die im Sinne dieser unzweideutigen Tendenz zu lösen sind, so treten die heute schon, bevor die Entwicklung irgendwie zu Ende gekommen ist, klar zutage. Sie zielen in die Richtung einer möglichsten Paralysierung der vielen Widerwärtigkeiten, die dem jüdischen Volk aus seiner Sonderstellung erwachsen. Also politisch: Zusammenfassen unserer sehr beträchtlichen Macht und ihre Organisierung zu Institutionen, die jederzeit jüdische Volksteile gegen äußere Bedränger und Rechtslosigkeit schützen *) „Die Freistatt*, Hefte 5, 6, 7, 10; Noch einmal Ost- und Westjudentum,