Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Alljudentum und Zionismus
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 627 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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626 F. AI Kaufmann, Alljudentum und Zionismus Vom dritten Komplex der zionistischen Ideologie, von der Palästina-Utopie, ist eigentlich wenig zu sagen. Denn einmal genügt das, was die bisherige Darstellung zeigte, um zu erkennen, daß (abgesehen von den Anstrengungen einer kleinen, irregeführten Schar) nichts im Golus ist, das nach Palästina hingravitiert. Die Tatsache allein, daß mehr als 3 000000 Bande diejenigen Judenschichten, die überhaupt in Osteuropa für Emigration noch in Frage kommen könnten, mit Amerika verknüpfen, läßt jede Möglichkeit, als ließe sich jemals der Auswandererstrom oder eine andere Erscheinung des zentralen jüdischen Lebens durch den guten Willen nach Palästina ablenken, als Utopie erscheinen. Es kann also hier von der Frage der Eignung Palästinas abgesehen werden, weil sie ja höchstens als eine akademische Frage aktuell werden mag. Die Tendenz des ostjüdischen Lebens wird von anderen Faktoren beeinflußt als von Doktorarbeiten über den Stand der palästinensischen Kolonisation oder von den Sehnsuchten europamüder Westjuden. — Außerdem ist die zionistische Palästinathese dermaßen wunschhaft, subjektiv, fundamentlos, deutet mit solch billigem Optimismus palästinensische Unterbilanzen in Erfolge um, daß man auf eine theoretische Auseinandersetzung damit wenig Zeit verschwenden mag. Nur die praktische Seite der Dinge soll hier angedeutet werden. Die zionistische Agitation hat es nicht nur fertig gebracht, den kritisch unbewaffneten westjüdischen Organisationen Palästina als Konzentrationspunkt der Wohlfahrtsarbeit akzeptabel zu machen, sie wagt es auch, in einem Jahr der Teuerung aus Galizien, dem Land, das seit Jahren schon vergebens die Mittel zu einer neuzeitlichen jüdischen Volksschule aufzubringen versucht, 100 000 Kronen für das hebräische Gymnasium in Jerusalem zu entführen. Sie macht aus der kleinen palästinensischen Judensiedlung mehr und mehr eine neue Chaluko, ein Treibhaus, das dem Golus, dem lebenden Volk ungeheure Kapitalien und gewaltige Kraft an Menschen und Energien entzieht. Und das alles dank einer rücksichtslos fälschenden, mit einer amerikanisch anmutenden Lichtbildertechnik operierenden Reklame, die, mag sie noch so plump und kraß auftragen, von den Parteigenossen niemals durchschaut wird. Selbstverständlich kann das nicht ins Ungemessene gehen, und das letzte Schaustück, die nervöse Art, wie auf dem Wiener Kongreß die der Partei doch ganz fernliegende ostjüdische Studentenfrage aufgegriffen und zu einer vorübergehenden Sensation benutzt worden ist, zeigt es an, daß auch diese Technik sich einmal erschöpfen wird. — Dennoch ist es nötig, so scharf und häufig wie nur möglich gegen die Schädigungen zu protestieren, die auf solche Weise den zentralen Judenmassen zugefügt werden. Man halte