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Die Freistatt · 1914-02-20 · Heft 11 (20.2.1914) · p. Seite 620

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 11 (20.2.1914)
Article
Alljudentum und Zionismus
Date
1914-02-20
Page
Seite 620 (sequence 9)
Language
German
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F. M. Kaufmann, Alljudentum und Zionismus 619 3. Große, früher assimilierbare Judenmengen wandern in den Bereich des nationalen Eigenlebens und verstärken dessen Intensität 4. Die ostjüdischen Oberschichten verknüpfen sich mehr und mehr, gezwungen durch den national geführten Klassenkampf der Mitvölker, mit den jüdischen Massen. * Solange für die Länder des Ostens, besonders für Galizien und Rußland, die vor- und frühkapitalistische Epoche andauerte, bis um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts etwa, waren die Juden in ihrer großen Mehrheit ein einheitliches Händlervolk geblieben, ein Volk, das aus einer einzigen Klasse bestand und seine Funktionen nur im Wirtschaftsleben anderer Völker ausübte. In dieser langen Zeit war es eine Vorbedingung für den Wohlstand der Juden, daß sie nicht in Massen aufeinandersaßen und sich die Käufer abfingen, sondern daß sie sich möglichst weithin verteilten. DamalsentsprachdieSelbstzerstreuung dem gesunden Lebensinstinkt des jüdischen Volkes. So bilden in dieser Zeit die jüdischen Gemeinden der Dörfer und kleinen Städte das Hauptkontingent der jüdischen Bevölkerung. Noch im Jahre 1900 wohnten in Ostgalizien, das am zähesten die Züge der vorkapitalistischen Zeit beibehält, 330848 von 618 801 Juden, also 53,45 Prozent, auf dem Lande. Mit dem Vordringen des Kapitalismus ändert sich das. Da kommt in den osteuropäischen Ländern ein eigener Mittelstand auf, der umsomehr erstarkt, als sich die Wirtschaft kapitalisiert. Zugleich breitet die kooperative Bewegung ein immer dichter werdendes Netz von Konsumvereinen aus. Dem jüdischen Händler und Kleinhandwerker wird mählich die Vorbedingung für seine alte wirtschaftliche Funktion genommen. Er verliert die persönliche Beziehung zu Käufer und Besteller, verliert selbst den heimischen Markt Denn sobald der Mittelstand der Mitvölker genügend erstarkt ist, trägt dieser die nationale Note in den vorher nur ökonomisch geführten Kampf. Immer lauter erschallt der Ruf: „Kauft nicht bei Juden/' In Polen hat dieser, durch gewissenlose Hetzer geschürte Kampf im letzten Jahre zu einem regelrechten gegenseitigen Boykott der Polen gegen die Juden geführt Diese Herausdrängung der Juden aus ihren bisherigen wirtschaftlichen Positionen greift heute bis in das wirtschaftlich arg rückständige Galizien hinüber. Wie verhielten sich nun die jüdischen Massen zu diesem unaufhaltsamen Vorgang ihrer Expropriierung? Hätten wir es tatsächlich mit einem derart stumpfen, inaktiven Volk von „Golusjuden" zu tun, wie es die zionistische Theorie will, dann

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