Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Alljudentum und Zionismus
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 619 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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618 F. M. Kaufmann, Alljudentum und Zionismus Folgende Sätze mögen eine Probe geben von Sombarts Art, sehr komplizierte Dinge summarisch abzutun: „Die ökonomische Lage dieser russischen Juden ist größtenteils miserabel; sie fressen sich gegenseitig auf. (Seite 13.) Ueberwiegend sind die Juden überall im Osten kleine Handwerker, Krämer, Schankwirte, Trödler, Makler, Pferdeleiher, Hausierer, Wucherer; lauter notdürftige Existenzen, die der geringste Unfall über den Haufen wirft (Ruppin, (Seite 15). Gedenkt man noch der steten Gefahr, in der Gut und Leben dieser Östlichen Juden in jedem Augenblick schweben, so entsteht ein Bild von der Lage dieser Judenmassen vor unserm geistigen Auge, das düsterer und freud- und hoffnungsloser nicht von der lebhaftesten Phantasie gemalt werden könnte (Seite 16). Wer daran glaubt, daß die „Emanzipation" der Juden in Rußland in absehbarer Zeit zu erwarten sei, der kann daran denken, daß auch die östlichen Juden ein ähnliches Schicksal wie die westlichen erleben werden, ganz gleich vorerst, ob dieses selbst ein glückliches zu nennen sei oder nicht. Wer dahingegen es für unwahrscheinlich hält, daß sich die staatsrechtliche Stellung der Juden in den östlichen Ländern, namentlich also in Rußland, während der nächsten Menschenalter wesentlich verbessert, der muß auch die Möglichkeit jener Entwicklung, wie sie die Juden im Westen Europas durchgemacht haben, einstweilen ausschließen (Seite 18)." Das ist das Wesentliche, was er über das ostjüdische Leben mitzuteilen weiß. Es ist charakteristisch, daß sowohl in der zionistischen wie in der übrigen jüdischen Presse diese Sombartschen Sätze niemals einer Kritik unterzogen wurden, während man ihm dort, wo er auf westjüdische Aktualia zu sprechen kam, aus Unwesentlichkeiten einen Strick gedreht hat. Hier sollen nun nicht im einzelnen Sombarts Fehler widerlegt oder auch nur die vielen Flüchtigkeiten, die ihm unterlaufen sind, festgenagelt werden. Es genügt, dem Sombart-Ruppinschen Zerrbild das reale gegenüberzustellen. Das ostjüdische Leben weist nämlich steigende Tendenz zu einer ungeahnten Verfestigung der jüdischen Siedlungen auf. Diese Verfestigung äußert sich in folgenden Haupterscheinungen: 1. Die Juden geben die ökonomisch und kulturell (Assimilation) bedrohten Positionen auf. 2. Sie erobern sich neue Wirtschaftsgebiete; die großen Massen dringen in die Produktion ein und emanzipieren sich wirtschaftlich und kulturell von der umgebenden Bevölkerung,