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Die Freistatt · 1914-02-20 · Heft 11 (20.2.1914) · p. Seite 618

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 11 (20.2.1914)
Article
Alljudentum und Zionismus
Date
1914-02-20
Page
Seite 618 (sequence 7)
Language
German
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F. M. Kaufmann, Alljudentum und Zionismus 617 dächtigsten Merkmalen des zionistischen Nationalismus und weist auf jene psychische Grundstimmung hin, aus der die zionistische Ideologie stammt: auf das alte Aufklärertum, das mit dem historisch Gewordenen nichts anzufangen weiß. Zionistisch wird diese Katastrophenlehre erst in ihrer Verbindung mit der durch und durch optimistisch-mystischen Palästinatheorie. (ch kann mir eine Aufdeckung der vielen und ungeheuerlichen methodischen Fehler ersparen, durch die erst ein solch verzerrtes Bild von der jüdischen Gegenwart entstehen konnte, wie die zionistischen Theoretiker es für ihre Zwecke benötigen. Schon im Juliheft der ,Freistatt* habe ich diese gegeben, in einer ausführlichen Kritik der Bibel des Zionismus, des Ruppinschen Buches „Die Juden der Gegenwart". Diese Kritik ist bisher von zionistischer Seite aus unwidersprochen geblieben, trotzdem sie alles erschüttert, was Zionisten bisher Glaubensartikel war. Diesmal nun soll der positive Teil meiner Aufgabe als Kritiker nachgeholt, sollen in kurzen Strichen die Tendenzen des ostjüdischen Lebens geschildert werden, soweit sie sich heute an dem fast unübersehbaren Beobachtüngsmaterial ablesen lassen.A) Hier hat es sich bitter gerächt, daß die zionistische Bewegung seit der letzten Zeit einen systematischen Boykott der Volkssprache, des Jiddischen, zu einem Prinzip erhoben hat Anders wie als Folge dieses Sichabschließens vor dem jiddischen Schriftwerk ist die unerhörte Ignoranz der zionistischen Theoretiker nicht zu erklären. Daß aber selbst ein Nationalökonom wie Sombart, der sich in seinem Büchlein „Die Zukunft der Juden" geradezu ungeheuerliche Entstellungen der jüdischen Wirklichkeiten hat zuschulden kommen lassen, sich niemals aus diesen Quellen orientiert, von ihrer Existenz offenbar keine Ahnung hat, das gehört zu jenen seltenen Fällen in der Geschichte der Wissenschaft, wo der Fachmann zum simplen Dilettanten herabsinkt. 1) Man bedenke, daß, abgesehen von zahlreichen Monographien (Ica- Enqueten!), die russisch-jüdischen und jiddischen Periodika seit Jahren bereits Untersuchungen enthalten, die die Verelendungstheorie in allen Punkten widerlegen, und das ökonomische Golusproblem im Sinne der hier folgenden Darstellung erkannt haben. Zu den besten dieser Untersuchungen zähle ich Benzion Rubsteins scharfsinnige und geistvolle Essais in Shitlowskis Monatsschrift „düs nae leben* (Das neue Leben) New-York 1910 und 1911. Rubstein, ein junger, überaus befähigter Statistiker und Soziologe, hat weitere Arbeiten in der Wochenschrift: »Der jüdische Arbeiter* (auch jiddisch) Lemberg 1911 u. flgd. und neuerdings in der „Freistatt* veröffentlicht.

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