Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Alljudentum und Zionismus
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 617 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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616 F, M. Kaufmann, AU Juden tum und Zionismus Man kann ihm heute noch nicht das fest umrissene Bild des alljüdischen gegenüberstellen, weil hier das Entwicklungsstadium ja noch ein sehr junges ist. Das Nationalistische, das formelle Bekenntnis zum Volk also, das jenem Hauptforderung und Inhalt war, ist hier auf eine Selbstverständlichkeit reduziert. Es fehlen die Nöte des Antisemitismus, der Assimilation und der verschiedenen subjekti vis tischen Zerrissenheiten als Väter einer neuen Quasitugend. Was sich heute überall im Osten an golusbejahenden Stimmen vernehmen läßt, die junge Intelligenz, die nicht nur in der neuen jüdischen Demokratie, sondern die selbst im Bund und anderen Arbeiterparteien und nicht zuletzt in der Studentenschaft sich unaufhörlich verstärkt, das hat eine ganz andere, wesenhaftere nationale Bindung — seine gewaltige Nährmutter ist das lebendige Volk. Im alljüdischen Nationalismus ist das blutvolle Lebensgefühl und die grandiose Selbstherrlichkeit der ostjüdischen Massen ins Bewußtsein erhoben worden. Das oberste Postulat, das er an jeden stellt, der an den Dingen des jüdischen Lebens arbeiten will, ist dies: daß seine Hände rein seien von der nervösen Unzulänglichkeit volksfeindlichen Maskilismus, sein Herz frei von bourgeoisen Instinkten und dekadenter Zerrissenheit, in seinem Willen keine Trübung durch unjüdische Zielsetzung, seine Sinne empfänglich für den gewaltigen Pulsschlag und alles unterirdische Fließen im Volksorganismus, daß er eine selbsterrungene sinnliche Konzeption des gegenwärtigen Volkes} seiner Größe und seiner Nöte sein eigen nenne. Unnötig zu sagen, daß der Zionismus dieser primitivsten Forderung nicht gerecht werden kann. * Ich komme zum zweiten Ideenkomplex der zionistischen Ideologie. Der handelt von dem Zerfall und der Entartung der Juden in den Golusländern und ist zu einer regelrechten, mit allen Raffinements moderner Pathologik versehenen Verelendungstheorie ausgestaltet worden* Danach nimmt die Entwicklung des jüdischen Volkes in den Golusländern in jedem Fall einen katastrophalen Verlauf; ökonomische Verelendung, körperliche Degeneration usw. (dies im Fall des Weiterbestehens der russisch-rumänischen Judenpolitik) oder Untergang und Assimilation im Sinne des westjüdischen „Zerfalls" (im Falle einer freien Entwicklung im Golus). Man sieht hier auf den ersten Blick, daß dieser Ideenkomplex an sich gar nicht ein rein zionistischer ist; er kann ebensogut die Grundlage für einen extremen jüdischen Pessimismus abgeben. Dieser tiefe Pessimismus aller jüdischen Gegenwart gegenüber gehört zu den bemerkenswertesten und auch ver-