Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Alljudentum und Zionismus
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 615 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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614 F. M. Kaufmann, Alljudentum und Zionismus_ In diesem Zusammenhang kann ich es übergehen, noch einmal den Nachweis zu führen, daß das Volk der Zionisten noch immer ein sehr abstraktes Ding ist, gewonnen aus einer primitiven Historik und allerlei Zukunftsträumen, etwas ganz anderes als das lebendige Volk, Es genügt, die Resultate einiger Aufsätze zusammenfassend darzulegen, die sich eingehender zur Frage nach den Anfängen und dem Psychologischen des Zionismus äußern.1) Danach ist der Zionismus der letzte und vielleicht der stärkste Ansturm der Maskilim wider das Volk, ein Ende, über das hinaus es keinen Anfang gibt, das Ende nämlich der Haskolo,2) jener Geistesströmung, die schon allzulange die Grundlagen des jüdischen Lebens zu unterminieren versucht. Gewiß, die Geschichte des Maskilismus3) und die Rolle, die er im Organismus des jüdischen Volkes gespielt hat, sind in ihren Einzelheiten noch zu schreiben. Die Hauptlinien treten aber schon jetzt deutlich heraus; seit den letzten 150 Jahren ist sie identisch mit der Geschichte der intellektuellen Oberschichten. Was diese Intellektuellen in solch langer Zeit auch anfaßten: sie haben auf das Volk gewirkt, wirken noch heutq wie eine harte, schwere Geißel, deren Fluch es ist, blindlings in Leben und Werden hineinzuklatschen und dort klaffende Risse zu schlagen. Ob dies im Namen der Aufklärung, der protestantisierten Ethik des Liberalismus, des „gute-Europäer"tums, des Sozialismus oder des Zionismus geschah, wie und wann immer die Popanzen, mit denen jüdische Maskilim4) Götzendienst treiben, einander ablösen, eins ist ihnen allen gemein: das Fremdsein, Fernsein dem Volk und der nationalen Kulturgemeinschaft, die oft in Verachtung umschlagende Respektlosigkeit vor allen jüdischen Besonderheiten, und jene platte Prokrustesgesinnung, die alles jüdische nach Normalen, die fremden Völkern entliehen sind, ausrenken oder abhacken will. Es ist eine Wahrheit, die ungeheuerlich klingt: Was seit 150 Jahren dem jüdischen Volk an Intelligenzlern beschert worden ist, das 3) „Die Freistatt*, 8. Heft: Zur Theorie und Praxis der Poale-Zion; ib. 2. Heft: Alljüdische Kritik; ib. 10. Heft: Westjüdische Erneuerung. *) Haskolo läßt sich nicht bündig definieren. Ein äußerliches Analogon hat man in den großen Epochen des Rationalismus, nur geht der Vorgang dieses jüdischen Aufklärertums ganz andere Bahnen, sind seine Wirkungen weit schädlicher und nihilistischer, während manche der wohltätigen Begleiterscheinungen europäischer Rationalismen hier gänzlich fehlen. Der Begriff wird ja im folgenden etwas bildhafter veranschaulicht 8) Maskilismus Haskolo. 4) Maskilim — das sind die Anhänger der Haskolo.