Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Alljudentum und Zionismus
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 614 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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F. M. Kaufmann, Alljudentum und Zionismus 613 spürt, an die sich das krause Gewirr der Theorie angesetzt hat, wird auf drei Thesen stoßen, denen gegenüber der übrige historische, statistische und sozialwissenschaftliche Apparat eine untergeordnete, dienende, meistens apologetische, niemals eine weiterentwickelnde Rolle spielt. Hier ist ihre knappe Formulierung. Die erste und allgemeinste handelt vom Nationalismus und behauptet das Vorhandensein einer jüdischen Nation. Die zweite, eine typische Katastrophenlehre, will es wahr wissen, daß die Judenheit als kulturschaffende Gemeinschaft in ihren heutigen Positionen untergehe. Der Palästinaismus endlich basiert auf dem Satz, daß das jüdische Volk nur auf dem kleinen syrischen Mittelmeerstreifen aufleben werde. Mit den Ideenkomplexen, die sich um diese Thesen konzentrieren, hat es diese Untersuchung zu tun. * Bekanntlich ist jene These, die den jüdischen Nationalismus zum Gegenstand hat, die einzige, die nachhaltig und oft genug erbittert von den westjüdischen Gegnern der zionistischen Bewegung angegriffen worden ist. Es ist ein seltsames Schauspiel; alle Bemühungen, die zionistische Theorie aus den Angeln zu heben, ziehen sich auf diesen Punkt, und zwar auf seine unanfechtbarste, weil inhaltslose Formulierung zusammen, während das ganze zerbrechliche Gerüst, das sich auf ihm aufbaut, kaum jemals berannt worden ist. Das Einzige und Schwerwiegendste aber, was gegen den zionistischen Nationalismus einzuwenden ist, kam hier nicht zur Sprache. Merkwürdig genug. Denn aus der Geschichte der antisemitischen Theorien und Parteien mußte es den Westjuden doch geläufig sein, wie oft die nationalistische Phrase nichts weiter ist als ein bequemes Deckwort, hinter dem sich meistens Fremdheit, Geringschätzung, Brutalität gegen das eigene Volk sehr oft krasse Kasten- und Klasseninteressen verbergen. Trotzdem haben sie es unterlassen, den Nationalismus der Zionisten auf seine Qualität hin zu prüfen. Also nicht daraufhin, was er mit der Spitze gegen die Emanzipation oder die loosmopolitische Assimilation ist — in diesem Sinne ist er ja lediglich formelle Negation und Schaustück —, sondern er war daraufhin zu prüfen, was er dem Volk, den Massen gegenüber sein müßte. Es war zu fragen, ob die Art, wie sich die zionistische Bewegung zu den Volksmassen und ihren Problemen bezieht, wie sie mit dem Volk fühlt, für es arbeitet, mehr als eine nationalistische, ob sie eine nationale und welchen Grades sie ist. Dies allein ist das Kriterium, das entscheidet, ob der zionistische Nationalismus Phrase und Schlagwort oder Ausdruck wahrhaften Lebens ist