Mannheim
Compact Memory

Die Freistatt · 1914-01-20 · Heft 10 (20.1.1914) · p. Seite 601

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 10 (20.1.1914)
Article
Kicyr Masû:ojs Binjûmin Hashlishi
Date
1914-01-20
Page
Seite 601 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3119801-3119802-3119811-3121274--1111-3121356
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

600 Jiddische Dichtung hergeben kann. Nun, und abgesehen davon, sage ich Euch, ja, ist Gott ein Vater, und die Juden sind barmherzig und mitleidig, sag ich Euch, — daß ich mich nicht versündige. # . Den Tunejadewkern muß man auch nachrühmen, daß sie mit dem, was Gott gibt, zufrieden und in Kleidung und Speise nicht sehr wählerisch sind, Gott bewahre. Wenn der Sabbatrock, sagen wir, zerfetzt, zerfallen und zerrissen, ein wenig verschmiert, nicht so sehr reinlich ist, nun was hat das viel zu sagen, wenn er nur aus Atlas ist und glänzt? Nun und wenn irgendwo wie aus einem Siebe der Leib hervorguckt, na, wen kümmert das, wer wird sich da hinstellen und hinein schauen? Und sind denn zerrissene Fersen so schlimm? Sind denn Fersen nicht Menschenleib und Menschenfleisch? Kartoffelsuppe und ein Stückchen Brot sind ein sehr gutes Mittagsmahl — wenn man's nur hat. Gar Fleisch mit Sauce und eine Semmel dazu am Freitag! Das ist Königspeise — wenn man's nur hat Besseres gibt's wohl auf der Welt gar nicht. Wollte man ihnen etwa von andern Gerichten außer Fischsuppe, Braten, Rüben oder Pastinaken erzählen, so schiene es ihnen ganz seltsam und sonderbar, sie machten lachend spitze Bemerkungen, als ob der Erzähler dumm oder irr wäre und sie auch verrückt machen, ihnen ein Kind in den Bauch reden 14) wollte, — „eine Kuh sei übers Dach geflogen und habe ein Ei gelegt * 14) Ein Stück Johannisbrot am Chemeshuser 15) ist doch eine gottvolle Frucht Wenn man's ansieht, erinnert man sich an's Heilige Land, man verdreht die Augen und seufzt tief: Ach, „wesojlichejny kojmemiys* rieht uns auf, teuerster Vater, ja, aufrecht führ uns „learcejny", in unser Land, wo Ziegen Johannisbrot essen! . . Zufällig brachte einst einer eine Dattel ins Städtchen. Da hätte man sehen sollen, wie alles lief und sie anstaunte. Man schlug die Bibel auf und zeigte, daß die Dattel in der Bibel steht! Ja, die Dattel, die Dattel stammt aus dem Heiligen Landl Sieht man sie an, so steht einem das Heilige Land vor Augen, da überschreitet man den Jordan, da ist die Doppelhöhle, der Mutter Rachels Grab, die Westwand 16), da badet man in den Bädern von Tiberias, geht auf den Ölberg hinauf, ißt eine Menge Johannisbrot und Datteln und füllt sich die Taschen mit Palästina-Erde 17). O, wie man seufzte! In aller Augen atanden Tränen. Zu jener Zeit — sagt Benjamin — war ganz Tuuejadewke im Heiligen Land. Man sprach viel von Messias, bald sei's schon Nachmittag an Gottes Freitag Der neue Pristaw 19), der erst vor kurzem gekommen war, herrschte gerade gewaltig im Städtchen. Einigen Leuten hatte er die Jarmelkes vom Kopfe gerissen, einem eine Peje abgeschnitten, andere spät nachts in ein 14) Sprichwörtliche Ausdrücke für unglaubliche Dinge. 15) 15. Schwat, „Neiijahrstag der Bäume", zur Erinnerung an den Frühlingsbeginn, an dem die Schulkinder frei sind, und Früchte gegessen werden. 16) Die vom Tempel erhaltene Mauer 17) Von der eine Hand voll ins Grab getan wird* 18) D. h. bald komme Gottes Sabbat, die messianische Zeit, 19) Russischer PoHzeikommissar,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.