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Die Freistatt · 1914-01-20 · Heft 10 (20.1.1914) · p. Seite 588

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 10 (20.1.1914)
Article
Der Mittler
Date
1914-01-20
Page
Seite 588 (sequence 12)
Language
German
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IRI
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Ludwig Strauß, Der Mittler 587 Am nächsten Tag verlangte ich den Untersuchungsrichter zu sprechen. Ich wurde auch in jenen selben Raum, in welchem ich das Geständnis abgelegt, zu ihm geführt, dem ich nun erklärte, es widerrufen zu wollen. Statt aller Antwort suchte er in unerschütterter Ruhe das von mir unterschriebene Protokoll der ersten Vernehmung hervor. Er zeigte es mir und begann, mein Geständnis zu verlesen, nachdrücklich Wort für Wort und Satz für Satz betonend. Da hörte ich denn, der ein Gespinst wirrer Phantasien zu vernehmen gedachte, die bis ins einzelne klar geschaute Schilderung eines Mordes, dessen Täter ich war. Und den knappen und schlichten Worten, die erzählten von dem Zusammenkommen des alten Hasses und der sinnlichen Gier, von Küssen und Streit, vom Entwinden der Waffe, vom Mord und der Flucht durch die altbekannte, verborgene Tür> diesen Worten war eingegraben das Mal der Wahrhaftigkeit und der geraden Treue, Und wie ich, unsicher auch vor dem stummen Zeugnis des Raumes, der mich damals wie jetzt umgeben, flüchtete zu dem Andenken meiner Väter, um bei ihnen mir Kraft zu leihen gegen das Blendwerk solcher Worte, — da mußte ich zugleich gedenken der größeren Ahnen, die mich gestärkt hatten, hier vor diesem Richter zu gestehen. Derer, die alles verließen unter dem einen einzigen Befehl, die nicht sparten mit ihrem Leben und nicht Dauer suchten noch Reichtum oder Sicherheit. Und ich begann voll Scham zu werden und wuchs langsam heran zu jener vergangenen Stunde, und als der Richter geendet hatte, sprach ich: „Es ist alles wahr/* Dankbar, daß ich einmal vor dem Abschied voll erfahren hatte die Macht der mütterlichen Erde, kehrte ich zurück auf den Weg des Geistes, dessen Ruf von Anfang über mir war. Von da an tauchte ich für immer in die klare Ruhe zurück, die mich vordem umgeben hatte, nur daß sie nun sicherer war und ungestört Der Mutter schrieb ich einen Brief, in dem ich sie meiner dankbaren Liebe versicherte und Abschied von ihr nahm. Sie ist verständnisvoll und vornehm genug, um meinem Wunsch, nicht mehr besucht zu werden, den persönlichen Abschied aufzuopfern. So verfließen meine Tage gleichförmig und hell in der harten Umgebung und Pflege des Gefängnisses. Manchmal schrieb ich noch Verse hin und nun zuletzt die Geschichte meines Lebens, die ich in immer klareren Linien von reiner Ferne umblaut vor mir sah. Zwei Tage habe ich geschrieben, und in der Nacht keinen Schlaf gefunden vor Bildern und Gedanken. Nun dunkelt der Vorabend des Tages, an welchem mein Urteil gesprochen wird. Ich bin sehr müde, und es schmerzt meine Brust. Unfähig schon zu schlafen, frage ich mich, wozu ich diese Geschichte

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