Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (20.1.1914)
- Article
- Der Mittler
- Date
- 1914-01-20
- Page
- Seite 587 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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586 Ludwig Strauß, Der Mittler zu nennen sich weigerte, habe man sie abgewiesen. Es konnte nur Mirjam gewesen sein, die ich lange geliebt hatte; denn ich besaß keine Freundin außer ihr. Obgleich ich wenig mehr für sie empfand in diesen einsamen Tagen, sah ich doch gern, daß sie sich zum erstenmal bemühte, zu mir zu gelangen. Ich hatte sie, die Aeltere, immer in einem unerreichbaren, begehrten Hauch von Schicksal geschaut. Nun war mir ihr Besuch eine Art Anerkennung meiner Person als eines Gleichen^ eine Bestätigung, daß ich endlich, wenn auch auf seltsamem Wege, eingedrungen war in den Bezirk des wahrhaften Lebens. Aber noch einmal wurde meine Ruhe gestört, als mich die Mutter besuchte. Sie machte mir keinen Vorwurf, nur ihre Haare waren von einem seltener unterbrochenen Weiß als vordem. Sie saß wortlos auf meiner armen Bettstatt, sie nahm meinen Kopf in ihre Hände und barg ihn an ihrem warmen Schoß, der mich geboren hatte, und von der Gütigen Heß ich mich niederbeugen aus meiner stolzen Klarheit. Sie sprach gepreßt über mich hin, leise: „Ich kann nicht glauben, daß Du's getan hast." Und dann meine Haare streichelnd: „Mein Junge." Und dann, wie sie nie zu mir gesagt hatte: „Mein Dovidle." Bei diesen Worten, welche mein Herz einem grenzenlosen Weh aufschlössen, sah ich das einfache Haus der alten Dorfjudenr die meine Großeltern waren; ich sah mich als Kind in den schönen Ferien bei ihnen, schlichten und strengen, geraden und fröhlichen Menschen; und so wie meine Mutter mich jetzt zum erstenmal genannt hatte, rief in zärtlichen Augenblicken ihre Mutter den Großvater, Ich fühlte mich, erschauernd vor Ernst, aufgenommen in die Reihe meiner Väter, der frommen und tätigen, die wohl zu scheiden wußten zwischen Gutem und Bösem, zwischen Wirklichkeit und Traum, zwischen dem Nützlichen und Festen und dem irrenden Spiel der müßigen Gedanken. Ich vermochte der Mutter nicht mehr zu erwidern als „Liebe Mutter," und dann ging sie mit schweren Schritten fort. Ich blieb schmerzlich verwirrt zurück. Unter heftigen Vorwürfen ward ich mir bewußt, meine Mutter und in ihr unsere Vorfahren unheilbar verwundet und meine eigenen Aussichten auf ein langes, fruchtbares Leben um einer Tat, die ich erträumt, um eines Hirngespinstes willen zerstört zu haben. Und ich beschloß, wenn es irgend anginge, mich noch zu retten. Ich vertraute auf die Möglichkeit einer solchen Rettung, denn suchte ich sie, so war ja das auf meiner Seite, was allgemein als wahr und wirklich anerkannt ist: die sichtbare, in festen Gesetzen ruhende Welt der Tatsachen.