Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (20.1.1914)
- Article
- Der Mittler
- Date
- 1914-01-20
- Page
- Seite 586 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Strauß, Der Mittler 585 und vielleicht in den Tod? Dies ist es, daß mir wirklich und ewig ist, was über andere traumhaft hinstreift als ein flüchtiger Windhauch. Und unter Schmerzen ward ich dankbar, so geschaffen zu sein, daß ich in meine atmende Brust aufnehmen mußte das große Leben in seiner unerträglichen Weite* Wie etwas Törichtes fiel der Gedanke von mir ab, als sei das Verwirrung und Strafe gewesen, was die Tat des Mörders zu der meinen machte. Und machtlos glitten von mir ab die Mahnungen meiner erwachenden Vernunft: vielleicht kannst Du Dich noch retten, überlege, sage, wie Du verwirrt warst, sage, daß Du krank bist, kehre zurück zur einfachen Wahrheit! Ueber all dem blieb ich einsam und selig hoch in der entfärbten Helle, die sich zum Himmel geweitet hatte. Und über mir, wo dieser Himmel grenzenlos sich dehnte, wurde eine Stimme groß: Steh auf und bekenne! Und noch einmal schluchzte ich auf: Ich bin ja zu schwach! Schone mich! Ich bin ja nicht würdig! Aber da gedachte ich der Schriften, die meinen Vätern heilig waren, wie dort berichtet wurde von der gleichen Stimme, die aufrief, und der gleichen bangen Antwort, und wie doch die Gerufenen stark wurden vom Gott und bekannten ihre himmlische Sendung. Ermuntert von den Ahnen erhob ich mich, preisgegeben dem Feuer der Höhe wie ein Stahl, der in sich zieht die Blitze für ein ganzes Haus. Und aus der Höhe fuhr ein weißes Licht pfeilschnell auf mich herab und hüllte mich ein, daß ich nichts mehr sah. So stand ich geraden Hauptes, Bote der einzigen Wirklichkeit, Sendling der höchsten Wahrhaftigkeit, und bekannte die Tat. III. Kapitel Nach jenem ausführlichen Geständnis war ich ruhig, doch völlig kraftlos. In meine Zelle zurückgekehrt fiel ich in einen tiefen Schlaf, aus dem ich erst am folgenden Morgen erwachte. Ich stand auf und ging in dem Räume umher wie ein Genesender. Verwundert und fremd genoß ich das irdische Licht. Eine weite Ruhe war über mir, ich atmete mit Freude, ich war ein glücklicher Gast der Welt. Auch hatte ich keine Furcht, weil ich bald von ihr scheiden sollte; denn ich fühlte mich sicher auf meinem Weg, der mich nicht irreführen konnte. Zum erstenmal begann ich mein Schicksal als ein Ganzes zu empfinden und weit zu überschauen. In solchen und anderen Gedanken verbrachte ich gestillte Tage. Auch schrieb ich einige Gedichte und sprach, auf und nieder schreitend in der Zelle, Verse der geliebten Dichter. Einmal erfuhr ich, eine junge, verschleierte Dame habe verlangt, zu mir gelassen zu werden, da sie aber ihren Namen