Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (20.1.1914)
- Article
- Der Mittler
- Date
- 1914-01-20
- Page
- Seite 585 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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584_Ludwig Strauß, Der Mittler_ schehen sein, damit mein Schuß sicherer ihr verhaßtes Herz treffen konnte. So hatte ich die Reihe der Tatsachen einmal gegen den Einbruch jener mächtigen Vorstellungen zu verteidigen, ferner zu überlegen, ob ich alle diese Tatsachen bis zu den Küssen und meiner Flucht der Wahrheit gemäß berichten sollte. Darüber ward ich ganz verwirrt, meine Schmerzen steigerten sich, und eine aufreizende Ermattung zermürbte mich in zähen Angriffen. Ich beschloß, alles, wie es geschehen, zu sagen und gab eine kleine Erzählung, die in jedem Satze von. dem Bewußtsein der Lüge begleitet war und in der sich meine schwachen Kräfte vollends erschöpften. Die des Richters schienen freilich erst recht aufzuwachen beim Hören dieser Tatsachen, die so viele neue Verdachtsmomente in sich schlössen. Er fragte mich nach zahlreichen Einzelheiten, und immer schwerer wurden mir die Antworten aus dem Wirrsal meines Innern heraus, das zu ordnen oder gar zu beherrschen ich nicht mehr imstande war. Auch vermochte ich nicht, meine Schwäche und Gereiztheit noch zu verbergen, und der Richter mußte sie wohl bemerkt haben, denn nun stellte er mitten zwischen anderen unverfänglichen eine Frage, die mich überraschen und fangen sollte. Nachdem ich auf seine Erkundigung, ob der Toten die Möbel ihrer Wohnung gehört hätten, in meiner Unfähigkeit zu denken ihn erst sinnlos angestarrt und dann „Ja" geantwortet hatte, meinte er in nachlässigem Ton: „Auch der Revolver gehörte ihr?" Ich hatte mich im Geist wie mit anderen Einzelheiten auch mit dieser Frage beschäftigt und war unter jenem Zwang, der mich beherrschte, widerwillig zu einer festen Vorstellung gekommen. So sagte ich mechanisch und ein wenig aufatmend bei dem Freiwerden einer zuletzt nur noch instinktiv, ohne sicheres Bewußtsein, unterdrückten Vorstellungsreihe: „Ja ihr; Marke Ideal." Gleich nachdem ich diese Worte gesprochen hatte, überstürzte mich eine schmerzende Klarheit, Ich fühlte, daß ich unterleger war, und brach zuckend vor Schluchzen zusammen. Eine Pause in der Vernehmung trat ein, während der ich, unfähig, mich aufzurichten, meinen Kopf in den Händen barg, die auf dem harten Tische ruhten. Langsam verstummten in mir Sträuben und Klage, die Angst wich einer Gleichgültigkeit gegen alles Geschick, die sich wie eine farblose, morgenliche Helle schimmernd in meiner Seele ausbreitete. In ihr vermochte ich zum erstenmal an diesen beiden bewegten Tagen mich ganz und ruhig zu sehen. Vor diesem stillen, prüfenden Blicke aber wich nicht die Erinnerung in mir, daß ich gemordet hatte. Und ich ergriff sie mit meinem eigenen Bilde als meinen teuren Besitz. Was ist es, fragte ich, das mich in diese Gefahren treibt