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Die Freistatt · 1914-01-20 · Heft 10 (20.1.1914) · p. Seite 584

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 10 (20.1.1914)
Article
Der Mittler
Date
1914-01-20
Page
Seite 584 (sequence 8)
Language
German
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Ludwig Strauß, Der Mittler 583 Indessen waren wir am Ziel angelangt und traten in das Zimmer des Untersuchungsrichters ein. Ich verspürte heftige Schmerzen in Kopf und Brust. Vergebens mühte ich mich, gefaßt zu sein. Ich fühlte deutlich, daß ich blaß und bange aussah und schon dadurch in die Hand des Richters gegeben war. Während ich meinem Gesicht einen ruhigen Ausdruck zu geben suchte, wurde es — ich spürte das, als ob ich's sähe — verzerrt, niedergeschlagen und verlogen. Ich barg mich verzweifelt in die kurze Zeit, die noch vor dem Verhör lag, und vertraute: nie, nie kann es beginnen. Ich ächzte in Ohnmacht vor dem unfaßbaren Zwang, der das scharfe, junge Gesicht des Richters, das teilnahmlose, mir zuwandte. Darauf begann die Vernehmung: der Richter fragte mich nach Namen, Alter, Herkunft, Stand, während ein kleiner, bärtiger Mann alles, was ich sagte, rasch aufschrieb; er schien mir ein boshafter, eifriger Teufel* der sich auf jedes meiner ängstlichen Worte gierig stürzte und sie aufschichtete zu dem Holzstoß, auf dem ich braten sollte. Dann unvermittelt nach der Erledigung dieser Formalitäten fragte mich der Richter: „Gestehen Sie ein, die Tat begangen zu haben, deren Sie verdächtig sind?" Ich schrak vor dieser direkten Frage zusammen und vermochte ein halblautes „Nein" mühsam hervorzubringen. Und bei dieser ersten Antwort begann das Unbegreifliche, Furchtbare: daß ich bei allen meinen Worten,, die im Lichte unserer täglichen Vernunft die reine Wahrheit aussagten, das bestimmte Gefühl hatte, zu lügen um meiner Rettung willen. Ja ich kam mir verstockt vor, als ich bei diesem Nein blieb gegenüber mannigfachen Vorstellungen, wie ein offenes Geständnis doch nur meine Lage verbessern könne. Während der Richter mich dann nach Einzelheiten fragte, wann ich zu der Fremden gekommen sei, wann ich sie verlassen, und was ich bei ihr zu tun gehabt, richteten sich immer lebendiger jene Vorstellungen des Mordes in mir auf, ausgefüllt von Einzelheiten, die mir plötzlich einfielen wie die Marke des Revolvers. Dazu kam das quälende Verlangen, all das zu gestehen als mein Erlebnis, mehr noch, die unausweichliche Vorstellung dieses Geständnisses und seiner Folgen: wie würde der Richter aufatmen; wie würde das Teufelchen keuchend froh den dicken Klotz zum Martergerüst hinschleppen. Nun verlangte der Richter eine Schilderung meines Gesprächs mit der Fremden. Mühsam mußte ich es aus meinem Gedächtnis hervorsuchen, während bei jedem Wort meine Phantasie eingriff und eine Beziehung zu dem Morde herstellte. Meine Bereitwilligkeit, den Brief zu besorgen, schien mir zwingend auf ein geplantes Verbrechen zu deuten. Daß ich die Bluse der Fremden aufriß, mußte ge-

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