Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (20.1.1914)
- Article
- Der Mittler
- Date
- 1914-01-20
- Page
- Seite 583 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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582 Ludwig Strauß, Der Mittler von seinem Gesichte, das der erbarmungslosen Sonne zugewandt ist, lesen die verleugneten Bilder in der Seele. Der Peiniger wird, schleimig glatte Fangarme, nach ihm ausstrecken die kalte, suchende Stimme, deren Berührung die Besinnung raubt. Und die Tat muß verschüttet werden in der Seele, und die Klage geknebelt, und Leere muß werden, wo erstickende Fülle drängt, damit die flache, gezeichnete Stimme des Lügners aus den farblosen Lippen dringen kann, die in wachsender Schwäche sich beherrschen, nicht zu zittern. Unter diesen Vorstellungen zum Bewußtsein meiner selbst zurückkehrend, erschrak ich, nichts mehr zu finden von der Sicherheit, mit der ich mich in ihren Kreis gewagt und deren Bestätigung meine Eitelkeit in ihm gesucht hatte. Wenn es eine Inspiration des Schauspielers gibt, den Befehl, ein fremdes Schicksal zu leben, das Zauberwort, das verwandelt, so erfuhr ich dies jetzt mit Entsetzen. Das Leben, mit dem ich gespielt hatte, ließ mich nicht mehr los, es krallte sich in mich ein. Der Kopf tat mir so weh, bedrängt von den Vorstellungen des Mordes, die sich enger noch als in der Nacht, unlösbar, meinem Erlebnis mit der Fremden verknüpften. Der lange Haß, mit dem das Kind sie verfolgt hatte, die Härte, mit der ich sie hinwarf, sie zu küssen, mündeten in die Härte des tötenden Schusses. Ich rang mit dem Geiste des unbekannten Mörders, ich bat um Verzeihung, ich flehte um Erlösung, vergebens: in mir blieb das furchtbare Heer anklagender Erinnerungen, in mir die Angst des Mörders vor dem Gericht, in mir die qualvolle Geste dessen, der lügen will und in sich die Wahrheit still zu machen sucht. Vor allem die Angst; ich versuchte zu lächeln: „ich zittre ja, als ob ich selber der Mörder wäre, als hätte ich selbst etwas zu verbergen, als brauchte ich nicht bloß klar zu sagen, was wirklich ist." Aber wirklich war in mir die Furcht vor der Vernehmung, mein Bild mit der Waffe über der Sterbenden, die feige Sucht, all das tief, tief zu verbergen, zu lügen. Ah ich hatte mich über den stellen wollen und mich weiden an der Qual dessen, der eins mit mir war, und mit dem tausend Böses mich verband. Nun schlug mich der Fluch, der ihm zugedacht war, und ich bebte in seiner Angst Flüchtig durchfuhr mich ein Erinnern: Wie ich bei einer Wanderung geruht hatte nahe bei zweien, die auf vorspringenden Felsen über der grünenden Tiefe lagen und scherzten; da zerriß mich der Schwindel des Falls, dem sie entgingen, ich starb schreiend in beiden, und als ich mich aufhob aus dem grausamen Traum, war ich bleich wie ohne Blut und konnte kaum gehn vor Schmerz und Ermattung.