Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (20.1.1914)
- Article
- Der Mittler
- Date
- 1914-01-20
- Page
- Seite 582 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Strauß, Der Mittler 581 peitschenden Knall des Revolvers, der mich zerriß. Auf sprang die verborgene Tür, und der Mörder floh die sich windende Treppe hinab. Schließlich fühlte ich einen leichten Schmerz in der Brust. Ich war ermüdet von dem vollen Tag und sank auf mein ungewohntes Lager, wo ich bald ein wenig leidend entschlief. In meinen Morgenschlaf tönte die männliche Stimme meines Mathematikprofessors; „Ich habe Sie stets, mein lieber R., mit jenen stillen Wassern verglichen, die tief gründen. Sie sind mir aufgefallen als ein scheuer, verschlossener, ja ich muß es sagen, als ein nicht recht offener, klarer, einfacher . . ." Seine Stimme lief ab wie ein endender Phonograph und gurgelte noch spät aus Nebengeräuschen: „Einen solchen Streich allerdings . . Ich erwiderte: „Verstatten Sie, Professor, daß ich Ihnen widerspreche: ich bin schuldlos." Ueber diesen kühnen Worten erwachte ich, fühlte mich angeschuldigt und rettete mich gleich in die aus der Nacht vertraut gewordenen Bilder der Mordtat. Mir fiel ein, daß ich den Mörder seltsamerweise den gleichen Weg hatte eilen sehen, den ich selbst geflohen war. Aergerlich stand ich auf, bedachte einen Einfall, der zu einem Gedicht werden sollte, und vergaß darüber endlich alles, in den gewohnten Kreis meiner Gedanken wieder eintretend. Die beiden Polizisten, die dann kamen, mich zum Verhör abzuholen, empfing ich im Geist fast wie Gäste, so sehr war ich in mich heimgekehrt aus dem neuen Erlebnis. Wir gingen durch lange Korridore, und ich in einer hochmütigen Sicherheit verglich meine Lage und Stimmung mit der des Täters, welcher verhört wird. Wie er durch die Gänge geht, zitternd, bedrängt von Erinnerungen, die schwer sich über ihm wölken, an die Wände sich heften, zauberhafte Gemälde, und vergehen. Da liegt die Tote, ah das Blut auf der klar gewölbten Stirn, ah der kleine, rote Bach hinabrinnend von dem angebeteten Hügel der linken Brust, Sie steht auf, ihre Hände klagen an, flattern vor seiner Stirn; er schaudert, er möchte schreien: sie zerbröckeln ja schon, sie stinken verwesend, diese reinen Hände. Sinnlos, in unmöglicher Folge wechseln die vernichtenden Gesichte: Ein Schuß schreit; er versinkt in Küssen, „o Geliebte"; er flieht, der Mörder, zitternd, tastend, niederbrechend durch ein Treppchen, in dessen Dunkel hohl die Stimmen der Verfolger irren, ihre krallenden Tatzen sicher nach seinem Nacken sich recken. Der Streit erklingt in zwei Stimmen, die noch von der Lust der Schöße tief durchflammt sind, der tödliche Streit Das Hochgericht: blitzend vor dem strahlenden Himmel schwebt der Stahl, der sein krachendes Genick zerbrechen wird. Nun wird der Richter vor ihm sitzen und