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Die Freistatt · 1914-01-20 · Heft 10 (20.1.1914) · p. Seite 581

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 10 (20.1.1914)
Article
Der Mittler
Date
1914-01-20
Page
Seite 581 (sequence 5)
Language
German
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580 Ludwig Strauß, Der Mittler mich, wie mir schien, mit einem gehässigen Interesse beobachteten. Ihr alterndes Gesicht mit den freien, strengen Zügen war durchfurcht von Besorgnis, „Ich gräme mich", sagte sie, „daß ich Dich hinübergeschickt habe. Aber wer konnte das ahnen! Man hat nach Dir keinen Besucher mehr gesehen (wer sollte auch darauf achten); das Dienstmädchen der Toten ist krank und abwesend. Dann hat man Dich auf einem ungewöhnlichen Wege das Haus verlassen sehn. So wird der Verdacht auch auf Dich fallen, ferner auf zwei Herren, deren Besuch die Tote manchmal empfangen haben soll. Man hat ihr nichts geraubt Du mußt Dich auf Deine Verhaftung gefaßt machen." Ihre angstvolle Erregung hielt die vom Schicksal klar und sicher gemachte Frau unerbittlich zurück im Herzen. Ich war, anfänglich tief erschrocken, ruhig geworden, sobald ich mir bewußt war, daß eine Gefahr für mich vorlag. Ich hatte das sichere Gefühl, daß meine Unschuld mich vor allem Uebel beschützen und der wahre Hergang der Mordtat sich schon herausstellen müsse. Dies klare Vertrauen übertrug ich in wenigen beruhigenden Worten auf die Mutter, so daß sie fast fröhlich aufatmend mich mit ihren erfahrenen Augen liebend ansah. Dann küßte sie mich ermunternd und wünschte mir, in dieser Ruhe allen Fährnissen gegenüber festzubleiben. Noch am selben Abend wurde ich verhaftet. Wir nahmen Abschied voneinander wie zwei Kameraden, ich in meiner Sicherheit belustigt von einer romantischen Neugier, Der Tod der Fremden hatte mich erschreckt, wie ihre Schönheit mich aufgepeitscht hatte: ohne meine Seele innen zu erschüttern. IL Kapitel Ich kam in diese Zelle des Untersuchungsgefängnisses, in der ich noch heute bin. Sie schien mir ganz lustig, die niedere Bettstatt, der befestigte Tisch, der einsame Stuhl und das hohe Fenster, dies war in seiner hellen Kahlheit neu und fast erfrischend für mich. Ich erinnerte mich spielerisch, gelesen zu haben, daß ein hartes Lager die Neigung zur Onanie beseitige und dachte, ob ich diese reiche, beschwingende Kunst wohl hier verlernen würde. In der Tat war ich tief nüchtern und mit einer kühlen Heiterkeit gewappnet; so ging ich zwischen fliehenden, entfremdeten Bildern bis spät in die Nacht hallenden Schrittes durch den fast leeren Raum. Ich versuchte mir vorzustellen, wie der unbekannte Mörder die Fremde getötet hatte: kalt, erregt in harter Gier, er warf sie nieder — sein unbestimmtes Bild wurde durchspielt von dem meinen, als ich dachte, wie ich mich über sie gestürzt hatte. Ich hörte den

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