Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (20.1.1914)
- Article
- Der Mittler
- Date
- 1914-01-20
- Page
- Seite 580 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Strauß, Der Mittler 579 ich über die Fremde, die hier so sicher war, und rief unwillkürlich: „Und Sie in alledem!" Das war so persönlich gesagt — wir standen einander gegenüber —, daß sie mit einiger Logik zu handeln schien, indem sie den weißen Arm hob und meine Haare mit ihrer warmen Rechten streichelte. Atem und Herzschlag begannen mir schmerzlich zu jagen, auch wachte ein alter Haß gegen die Fremde gleichzeitig mit der Gier nach ihrer Schönheit in mir auf. Ich warf sie auf einen Divan, lieblos, entblößte ihre Brüste und küßte sie betäubt, während sie meinen Kopf an sich preßte. Dann stand ich auf und ging unvermittelt hinab, durch die Tapetentür über die Treppe und den kleinen Hof auf eine Nebenstraße. Ich stolperte beim Gehen und, im Freien angelangt, glaubte ich, das Blut müsse meinen Körper zersprengen. Um ruhig zu werden, während ich die Straßen durchirrte, wollte ich an einem Gedicht feilen, das mir seit Tagen im Kopfe lag. Aber ich konnte kein Wort an seine Stelle bringen, entfernte mich weiter und weiter und kam spät zurück, gegen Mittag in glühender Hitze. Vor dem Hause hatten sich Menschen angesammelt, die eifrig sprachen. Meine ruhige, alltägliche Erwartung verwirrte sich wie eines, der am Strande wohnt und heimkehrend das niegefürchtete Meer sein Haus überfluten sieht. Ein Nachbar drängte sich redselig an mich, der ich geängstigt eilte voll unklarer Befürchtungen, und rief überstürzt: „Sie wissen noch nicht! Der Mord im Gartenhaus! Entsetzlich! Am hellichten Tag!" Unfähig weiterzugehen verharrte ich und nahm mit stumpf gewordenen Nerven den Bericht des Mannes auf. Er erzählte voll Ehrfurcht und Freude, daß die Dame im Gartenhaus tot mit Schüssen in Herz und Schläfe auf dem Divan gefunden worden sei, in derangierter Kleidung, einen Revolver Marke Ideal neben sich. „Ich habe sie selbst gesehn! Ich dachte der Schlag würde mich treffen, so erschrocken war ich, als sie mich rufen kamen." Plötzlich trat er dicht an mich heran und flüsterte in wichtiger Heimlichkeit: „Hinter Ihnen, der neben dem Schuster steht, das ist ein Detektiv. Ich kenne ihn." Nach einiger Zeit wagte ich mich umzudrehen, und mein Blick traf den etwas verlegenen fremden, der mich umklammert hielt. Ich zuckte zusammen. Inzwischen hatte die Mutter von meiner Rückkunft gehört, kam und ging mit mir in die Wohnung, durch Menschen, die