Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (20.1.1914)
- Article
- Der Mittler
- Date
- 1914-01-20
- Page
- Seite 578 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Strauß, Der Mittler 577 kleinen, hochumgitterten Eisenbettchen, den silbernen Ton des Weckers traumhaft noch im Ohr. Das ganze Zimmer füllte die müde Helligkeit der Petroleumlampe, die neben Wecker und Medizinflasche auf dem Tische stand. Vom Sofa erhob sich die Mutter, streichelte mich und richtete mich auf und gab mir einen übelschmeckenden Heiltrank unter guten Worten ein. In höherem Alter befiel mich jene Krankheit der Nerven, an der ich bis heute leide, der Schmerz und die Ermattung dieser feinen Netze, in welchen die Seele den Leib gefangen hält. Sie trieb mich in dunkle Zimmer, wo ich einsam und gedankenlos mit den Händen meine leidende Brust umklammerte oder den Kopf, wenn dieser es war, der wehe tat Da war ich wehrloser und brach fast zusammen vor der Fülle von Wirklichkeit, die immer um mich gewesen war, mächtig und jäh aufwachsend aus Gedanke und Möglichkeit: schwindelnd und zerschellend fiel ich für die, welche an Abgründen ruhten in den Bergen meiner Heimat, und süße Nächte spielte ich in jenen, deren Blicke sich trafen. So geartet und früh ein Träumer vereinte ich in meiner Stellung unter den Kameraden zwei leidvolle Rollen: ich war der schwache und sonderbare Knabe, den man neckte, ja schlug, ohne sich im Unrecht zu fühlen, denn ich war ja ein anderer als sie; und dann der Jud, das deutlich gezeichnete Kind eines verachteten und heimatlosen Volkes. Als ich klein war, machte mich dies alles traurig und, als ich größer wurde, feindlich den Menschen, obwohl ich mich fast schmerzhaft fest mit ihnen eines fühlte. Ich erinnere mich, wie ich, 12 Jahre alt, im Hofe des großen Hauses, das ich mit meiner verwitweten Mutter bewohnte, auf die Nachbarskinder, die Spielgefährten, mit Fäusten und Füßen eindrang. Sie hatten mich geschmäht „Jud, Jud," und ein so maßloser Zorn hatte mich erfaßt, daß ich Schwächlicher durch die Gewalt meiner Wut sie in blinden Schrecken jagte. Da schützte sie und machte mich still und verlegen mit ihren Blicken eine schöne, große Frau, die im Gartenhaus wohnte, wo früher die Mutter und ich unser Heim hatten. Als sie mich so überraschte mit der Feststellung meiner unbeherrschten Handlungsweise, äußerte sich mein Schuldgefühl auf kindliche Art, indem ich sie eifrig und solange meine Stimme sie nur erreichen konnte, beschimpfte. Sie verklagte mich bei der Mutter, ich erlitt eine geringe Strafe, und seitdem betrachtete ich die Fremde als meine arge Feindin. Durch nichts konnte ich bewegt werden, ihr auch nur die einfache Höflichkeit des Grußes zu erzeigen. Doch habe ich mich stets noch oft mit ihr im Geiste beschäftigt. Sie besaß ja diese Zimmer, die mir so vertraut waren,