Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (20.1.1914)
- Article
- Der Mittler
- Date
- 1914-01-20
- Page
- Seite 577 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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576 Ludwig Strauß, Der Mittler Der Mittler Eine Novelle von Ludwig Strauß I. Kapitel Kein Morgen von den wenigen, die mir bleiben, wird einen stärkeren Schein in meine kleine Zelle werfen können. Eben noch wach unter der Dämmerung in einer lieben, jugendlichen Trübsal verfangen, richte ich mich auf, rein, frohlockend, geharnischt im Lichte. Wie bin ich dankbar, daß mein Kerker zur Sonne sein Fenster hat, wenn ich aufstehe, ein rüstiger Wanderer zum Ende. Nun sind es noch zwei Tage bis zum Tag der Verhandlung, und niemand kann mehr zweifeln, daß mein Urteil auf den Tod lauten wird. O Morgen für Morgen, wenn ich ins Helle tauche, diesem Ungeheuren entgegenzuschauen! Mit den letzten Träumen, die in den Tag spielen, Morgen für Morgen dies Verrinnen meiner Kindheit! Ich bleibe allein, verstoßen in einen Lebenskreis, der nicht irdisch ist Der Knabe, der ich war, dessen Leben noch in einer fremden Sphäre weiterlebt, geheimnisvoll mit dem meinen verknüpft, — er muß sich zu mir heimfinden im Dunkel des Schlafes. Und alle die lieben und feindlichen Gestalten, die sein Leben durchirrten, sind Gestalten meines Traums. Ich sehe ihn im Geiste zwischen den Menschen gehen, tief unter meiner armen Zelle und vor Ferne klein. Ruhig in diesem himmlischen Lichte, das dem hohen, engen Viereck des Fensters entströmt, schaue ich sein stilles Leben, sinnend in Liebe. Ich bin David R,, Gymnasiast, und stehe inmitten meines neunzehnten Jahrs. Bis vor kurzem verlief mein Leben in wenig besonderer Weise. Wie viele meiner Altersgenossen verfaßte ich eine Anzahl von Gedichten. Wie sie haßte ich die Schule und litt unter ihrem Zwang; ich war auch ein ziemlich schlechter Schüler. Ebensowenig wie alles dies dürfte es außergewöhnlich sein, was mir eine große, schicksalvolle, bunte Welt war mit eigenen Tagen und Nächten: daß ich eine junge Dame von Geist und Schönheit liebte, welche mich verschmähte; denn schließlich bin ich noch sehr jung, meine Brust ist nicht breit, und schwach sind meine Muskeln. Auch habe ich mancherlei anderes erduldet Von Kind auf war ich häufig krank; Scharlach und Diphtheritis, Masern, Keuchhusten, Krankheit der Nieren und andere, bei denen ich, klein von einer traurigen, zärtlichen Mutter behütet, in Fiebern sprach. Vertraut ist mir diese Erinnerung: ich erwachte in einem