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Die Freistatt · 1914-01-20 · Heft 10 (20.1.1914) · p. Seite 569

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 10 (20.1.1914)
Article
Noch einmal Ost- und Westjudentum
Date
1914-01-20
Page
Seite 569 (sequence 3)
Language
German
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568 Mathias Acher, Noch einmal Ost- und Westjudentum kommen und ob diese Haltung löblich oder tadelnswert ist. Vielmehi wurde doch hier nur die Tatsachenfrage erhoben, ob sie an der Religion als einer der zwei Konkretisierungen der ostjüdischen Besonderheit noch teilnimmt, worauf dann natürlich keine andere als eine verneinende Antwort gegeben werden konnte. Ich erwähnte schon, daß sich die ostjüdische Intelligenz, ebenso wie aus dem ersten, auch aus dem zweiten Offenbarungskreise jüdischer Besonderheit ausschloß. Dadurch, daß sie in der Familie und im geselligen Umgange russisch oder polnisch usw. spricht, ihre Bildung und den Ton ihrer Geselligkeit aus diesen Sprachen bezieht, ist sie willenlos dem Einfluß der entsprechenden fremden Kulturgebiete preisgegeben. Dadurch, daß sie das Jiddische zum Teil oder ganz verlernte und es jedenfalls dort nicht gebraucht, wo eine Sprache für den Menschen entscheidend ist: im Familienleben, in der Gesellschaft, bei der Pflege geistiger Interessen und Güter — sind alle Stimmungen und Stimmen, die diese Sprache aus den Tiefen der jüdischen Volksseele hervorholt, für sie, die jüdische Intelligenz, ausgeschaltet. Kurz, die tausendfache Bejahung eigenkräftigen volklichen Seins, die sich aus dem Zusammentreffen der gestaltenden Mächte von Religion und Sprache ergibt, dieses Netzwerk von Leben — so dicht, daß fast nichts in den Abgrund des Todes gleiten kann, was groß und stolz aus der jüdischen Vergangenheit blieb — existiert für die ostjüdische Intelligenz nicht mehr, ist eine versunkene Welt für sie. Nun weist ja allerdings die ostjüdische Intelligenz, zunächst was Anciennität und Stärke der Entjudung betrifft, die verschiedenartigsten Elemente auf. Da gibt es Leute, deren Großväter und Urgroßväter schon mit der Loslösung vorn ostjüdischen Grundstock bewußt oder unbewußt begonnen haben, und denen auf dem langen Wege, der bis zu ihnen führte, die ganze lebendige Jüdischkeit verloren gegangen ist Andere wieder sehen nur auf einen entjudeten Vater zurück, und da dieser noch nicht so entjudet sein kann, als er wäre, wenn auch sein Vater schon entjudet gewesen wäre, ist bei ihnen, den Söhnen, vielleicht doch noch ein kleines Partikelchen ostjüdischer Wirklichkeit zu entdecken. Hat die Loslösung erst bei den Söhnen selbst begonnen, dann ist das Partikelchen selbstverständlich schon viel größer. Und es kommt dabei wieder darauf an, in welches Lebensjahr eines jungen Menschen dieser Beginn fällt, welcher Art und wie stark die Eindrücke sind, die auf ihn im Sinne der Entfremdung wirkten. Hat die Einwirkung in früher Kindheit eingesetzt, und kam noch ein überwiegend fremdes Milieu

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