Mannheim
Compact Memory

Die Freistatt · 1914-01-20 · Heft 10 (20.1.1914) · p. Seite 568

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 10 (20.1.1914)
Article
Noch einmal Ost- und Westjudentum
Date
1914-01-20
Page
Seite 568 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3119801-3119802-3119811-3121270--1073-3121323
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Mathias Acher, Noch einmal Ost- und Westjudentum 567 talmudischen, sondern den öffentlichen Mittel- und Hoch- oder sonstwie entsprechenden Studien widmete. Dadurch entstand eine bis auf den heutigen Tag noch immer anwachsende Intelligenz nach europäischem Zuschnitt, die zwar aus der Ost* judenheit hervorgegangen ist und in deren Siedlungsgebieten lebt, aber schon auf den ersten Blick hin Zweifel hervorruft, ob sie noch innerhalb des ostjüdischen Lebens- und Kultursystems steht. Als die erste der beiden Kategorien, durch die und in welchen die ostjüdische Besonderheit zur absoluten Sichtbarkeit gelangt, haben wir die Religion kennen gelernt. Wir überzeugten uns, daß sie als Idee der Gesamtheit Physiognomie, .Richtung und Bewegung verleiht und als Gesetz ihr Form und Normen gibt. Nun aber sehen wir, daß gerade die Intelligenz von alledem nicht mitberührt wird. Nichts liegt ihr ferner, als irgendein Angezogensein von schaffensbereiten, religiösen Kräften im Volke, die nur auf Befreiung warten. Ja, sie steht in dieser Beziehung sogar noch hinter der westjüdischen Intelligenz zurück, die zuweilen wenigstens noch ein Interesse an religiösen Problemen verrät. Und natürlich hält sie es ebenso mit dem Religionsgesetze. Sie hat sich seiner vollends entledigt und damit eine ganz andere Einbuße an Werten der Eigenkultur erlitten, als gewisse Schichten des ostjüdischen Proletariats, die sich ebenfalls von der Religion abgewendet haben. Denn bei diesen ging die Abkehr nicht so in die Tiefe, und, was von großer Bedeutung ist, sie behielten das zweite Eisen im Feuer, die Sprache zurück. Dadurch blieben sie in der alten Atmosphäre, im Rythmus ihres ursprünglich vom Religionsgesetz eingerichteten Lebens. Bei der jüdischen Intelligenz aber war der Abfall viel gründlicher, und, da sie gleichzeitig auch die jüdische Sprache aufgab, war ein völligei Verzicht auf den ganzen Reichtum an eigentümlicher Lebensgestaltung, den das Religionsgesetz im Laufe der Jahrhunderte geschaffen hat, bewirkt. Nun liegt es ja nahe, den religiösen Nihilismus der ostjüdischen Intelligenz damit zu erklären, daß ja so ziemlich bei allen Völkern die Intelligenz das Interesse an der Religion verloren hat. Aber erstens gibt es Leute, denen diese Erklärung nicht genügt, weil sie in dem negativen Verhalten der ostjüdischen und der nichtjüdischen Intelligenz gegenüber der Religion wesentliche Unterschiede finden, oder weil sie dem jüdischen Volke einen religiösen Hauptberuf zuschreiben und daher von einer jüdischen Intelligenz doch eine andere Stellungnahme gegenüber der Religion erwarten als von einer nichtjüdischen. Und zweitens ist ja hier gar nicht gefragt, wie die ostjüdische Intelligenz zu ihrer Haltung in Religionsdingen ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.