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Die Freistatt · 1914-01-20 · Heft 10 (20.1.1914) · p. Seite 570

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 10 (20.1.1914)
Article
Noch einmal Ost- und Westjudentum
Date
1914-01-20
Page
Seite 570 (sequence 4)
Language
German
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Mathias Acher, Noch einmal Ost- und Westjudentum 569 dazu, dann wird das Stückchen innerlichen Judentums sicherlich nicht allzugroß sein. Ist aber einer bis hart an die Grenze der Reife, vielleicht sogar über diese hinaus, vollkommen ins ostjüdische Leben eingesponnen gewesen und da erst herausgerissen und in die Reihen der Intelligenz gestellt worden, dann kann ihm dieser plötzliche Wechsel natürlich nicht ebenso plötzlich seine jüdischen Qualitäten rauben. Es bleibt weiter Tatsache, daß er voll jüdischer Kenntnisse steckt, die Bibel, den Talmud und die sonstige jüdische Literatur beherrscht, eventuell auch das Hebräische meistert, daß ihm keine Lehre der jüdischen Religion fremd, keine Einzelheit des Religionsgesetzes und keine Sitte des ostjüdischen Lebens unbekannt, endlich auch die jüdische Sprache in allen ihren Nuancen praktisch geläufig und vielleicht sogar, wider schlechteren Willen, lieb ist Und es liegt die Frage nahe: Geht es an, daß man eine solche Persönlichkeit, nein, nicht eine, sondern ihrer eine ganze Menge — sie machen einen beträchtlichen Prozentsatz der ostjüdischen Intelligenz, die sich zum großen Teil aus ihnen erneuert, aus —, zusammen mit den Partikelchen-Juden außerhalb der Ostjudenheit stelle, dasselbe Urteil über „Gerechte" und „Ungerechte" fälle? Aber man kann die Frage wirklich nicht anders als bejahen. Denn das Urteil bezieht sich ja gar nicht auf die Mitgift, die jeder einzelne in die Massenehe der ostjüdischen Intelligenz mitbringt, sondern auf diese Massenehe selbst, auf ihre innere Tendenz, auf die ihr eigene umwandelnde und vereinheitlichende Kraft, die sie auf alle durch sie Verbundenen unvermeidlich ausübt Sicherlich hat der ostjüdische Intelligenzler, der alle die oben aufgezählten Kenntnisse besitzt, einen anderen jüdischen Personalwert als sein Kollege, der keinen hebräischen Buchstaben mehr zu lesen vermag, dem das ganze Judentum ein Buch mit sieben Siegeln und das jüdische Volk eine ferne, ferne Menschenklasse ist. Allein der Boden, auf dem sie sich treffen, nivelliert die verschiedenen Werte, und zwar zugunsten des Unjuden und zuungunsten des Juden. Schon mit seinem Eintritte in die neue Welt hat der letztere der Betätigung seiner Jüdischkeit den Laufpaß gegeben. Sein Können ist in der neuen Situation zum Rosten verdammt, hat keinen Organismus mehr, mit dem es befruchtend sich vereinigt, an dem es weiterbauen hilft. Es wird zum heitern oder wehmütigen Ereignis jüdischer Erinnerungsminuten. Dafür arbeiten die neuen Keime, die dem in die neue Luft Versetzten von dieser zugeführt werden, um so emsiger, manchmal mit unheimlicher Geschwindigkeit Einige Jahre, und der Gewandelte ist nicht zu erkennen, hat einen neuen Menschen angezogen. Und wenn man einwenden wollte,

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