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Die Freistatt · 1914-01-20 · Heft 10 (20.1.1914) · p. Seite 566

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 10 (20.1.1914)
Article
Ökonomische Übersicht
Date
1914-01-20
Page
Seite 566 (sequence 4)
Language
German
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Ben Mordechai, Ökonomische Übersicht 565 jüdischen Familien wandten sich an die Regierung mit Gesuchen um Boden zur Niederlassung als Kolonisten. Alle baten, man möge ihnen den Boden in Weißrußland selbst, nicht weit von ihrer alten Heimat, geben. Die Regierung aber bereute ihren Plan bald. Vor allem zeigte es sich, daß es in einigen Gouvernements des Ansiedlungsrayons nur sehr wenig Staatsländereien gab. Aber auch dort, wo solche waren, zeigte die Regierung keine Lust, auf ihnen Juden zu kolonisieren. Den jüdischen Kolonisten schlug sie nur die Öden Felder von Neurußland vor. Aber auch dafür fanden sich viel Abnehmer, und im Laufe des ersten Jahres (1807) schickten 1500 jüdische Familien ihre Bevollmächtigten, um Boden im öden Neurußland für sie auszuwählen. Die Zahl der Juden, die um ihre Kolonisierung in Neurußland baten, stieg von Tag zu Tag, und es kam so weit, daß sich der Gouverneur von Neurußland bei der Regierung dafür verwendete, die Zahl jüdischer Kolonisten in Neurußland auf 2—300 Familien jährlich zu begrenzen. So viel beschloß auch die Regierung auf Staatskosten zu kolonisieren, die übrigen müßten es auf eigene Kosten tun (Boden bekam jeder umsonst). Die ökonomische Lage der Juden Rußlands war in jeuer Zeit ungeheuer schlecht, das Elend der jüdischen Massen unbeschreiblich, schlimmer, als man es sich vorstellen kann. Das Streben der Juden nach Kolonien in Neurußland ist also selbstverständlich. Im folgenden Jahre, 1808, baten nur im Witebsker Gouvernement 867 Familien mit 4 288 Seelen um Kolonisierung. Natürlich konnte die Regierung alle diese Gesuche nicht erfüllen, und tausende jüdischer Familien zogen auf eigene Gefahr ins ferne Neurußland, ihr Glück zu suchen. Jeden Tag kamen Partien von hungrigen Juden in zerfetzten Kleidern nach Jekaterinoslaw, wo sich die Verwaltungsstelle für die Kolonisationsangelegenheiten Neurußlands befand, und baten um Boden. Andere wieder gingen gleich in die öden Steppen, wo sie statt Glück nicht selten den Tod in Hunger und Not fanden. Die Regierung versuchte zwar den jüdischen Kolonisationsstrom einzudämmen, aber es half wenig. Ohne die Erlaubnis der Regierung und der Lokalbehörde, ja sogar ohne Paß — was damals die größte Gefahr bedeutete —, machten sich die Juden auf, um zu Fuß in das ferne Land zu wandern, wo sie im Schweiße ihres Angesichts der Erde die kärgliche Nahrung für sich und für die Kinder abzuringen hofften. Auf allen nach Neurußland führenden Landstraßen konnte man die landsuchenden jüdischen Scharen treffen, ausgehungert, abgerackert, mit Fetzen statt Kleidern an den abgemagerten Leibern (so die Schilderung des offiziellen Berichts). Vorne fuhren, kaum gezogen von dürren Mähren, etliche Wagen mit den Kindern.

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