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Die Freistatt · 1914-01-20 · Heft 10 (20.1.1914) · p. Seite 565

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 10 (20.1.1914)
Article
Ökonomische Übersicht
Date
1914-01-20
Page
Seite 565 (sequence 3)
Language
German
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564 Ben Mordechai, Ökonomische Übersicht schuldigen an der Verarmung und Steuerunfähigkeit der weißrussischen Bevölkerung. Auf Grund dieser Materialien erließ die russische Regierung ihr Judengesetz vom Jahre 1804, dessen 34. Paragraph die Vertreibung aller Juden aus den Dörfern Weißrußlands im Laufe der nächsten drei Jahre verlangte. Die politische Lage war damals eine derartige, daß Rußland seine jüdische Bevölkerung nicht allzusehr zu reizen wagte, weil es fürchtete, die verfolgten Juden könnten im Falle eines Krieges zu Napoleon, der in Europa als Befreier der Juden bekannt war, übergehen. Die Regierung erachtete es daher für nötig, sich um das Los der vertriebenen Juden zu kümmern. Sie versprach materielle Unterstützung, unentgeltliche Ländereien und andere Begünstigungen (Befreiung von Zinsen usw.) denen, die zur Landwirtschaft übergehen würden. Das vor kurzem eroberte Land war sehr schwach bevölkert und stellte eine endlose Wüste dar. Mit allen Mitteln strebte die Regierung danach, durch verschiedene Privilegien und Begünstigungen deutsche und bulgarische Kolonisten anzuziehen. Daher beschloß sie auch die Verpflanzung der Juden nach Weißrußland, um das öde neurussische Gebiet zu kolonisieren. Sie bestimmte eine Summe von 300 000 Rubel für die jüdischen Kolonisten, die sich in Neurußland niederlassen würden, Reisespesen, Hausinventar — alles versprach sie den jüdischen Kolonisten von Neurußland. Auch das Landgebiet, das jede Familie in Neurußland erhalten sollte (anfangs 15 Dessjatinen für jede männliche Person, später wurde dieser Teil sehr herabgesetzt), wurde viel größer bestimmt als das, welches die jüdischen Kolonisten bekamen, wenn sie sich auf städtischem Gebiete in Weißrußland ansiedelten. In den ersten zwei Jahren zeigten die Juden keine Bereitwilligkeit, diese „Gnade" zu benutzen und zum freien Erdarbeiterstand überzugehen. Die Sache schien ihnen wohl verdächtig. Sie fürchteten, es könnte irgend eine Nebenabsicht dahinter stecken, irgend eine Gefahr für ihr Judentum. Inzwischen kam das Jahr 1807 heran, in dem nach dem Gesetze von 1804 alle Juden aus den Dörfern vertrieben werden sollten.*) Tausende von *) In Wirklichkeit trat dieses Gesetz nicht ins Leben. Die Schlachzizen, die Derzhawin gegenüber so sehr über die Schädlichkeit der Juden klagten, wendeten alles an, um die Vertreibung der Juden zu verhindern. Selbstverständlich nicht aus Liebe zu den Juden, sondern weil ihre Austreibung den Ruin ihrer eigenen Wirtschaft bedeutet hätte. Außerdem wollte die Regierung in dieser unruhigen Zeit — Krieg mit Napoleon — in den jüdischen Massen keine feindliche Stimmung erwecken und verschob daher die Austreibung der Juden von Jahr zu Jahr, bis sie endlich 1812 diesen Paragraphen ganz abschaffte. Doch schwebte das Damoklesschwert volle acht Jahre lang über der jüdisenen Bevölkerung, und das zwang sie, über ihre Lage nachzudenken.

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