Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (20.1.1914)
- Article
- Ökonomische Übersicht
- Date
- 1914-01-20
- Page
- Seite 564 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ben Mordechai, Ökonomische Übersicht 563 Bauern und vor allem mrt ihrer Geschichte bekanntzumachen.*) Geschichtlicher Überblick Im Jahre 1872 entriß Rußland Polen das weißrussische Gebiet, das unter den anderen Völkern auch eine große Zahl von Juden zählte* Infolge der vielen Kriege, die im 18. Jahrhundert zwischen Polen und Rußland stattfanden, und deren Kampfplatz zumeist hier lag, sowie auch infolge der schlechten polnischen Wirtschaft war diese Gegend fast vollständig ruiniert, die Bauern ausgehungert und steuerunfähig. Dadurch litt die russische Regierung selbstverständlich sehn Sie beschloß daher die Ursache der Armut der weißrussischen Bauern zu erforschen und betraute damit (im Jahre 1800) den Senator Derzhawin, der im selben Jahre Weißrußland bereiste. Er war schon aufgebrochen, als er von P. N. Oboljanikow einen Brief erhielt, in Avelchem ihm die Notwendigkeit dargelegt wurde, die Rolle der Juden im ökonomischen Leben Weißrußlands und ihre Wirkung auf die christliche Bevölkerung zu untersuchen. Statt eine wissenschaftliche Erforschung vorzunehmen, begnügte sich Derzhawin damit, bei den Adeligen eine Rundfrage nach den Ursachen der Verarmung Weißrußlands zu veranstalten. Es ist selbstverständlich, daß sich's die polnischen Edelleute nicht einfallen ließen, dem russischen Senator Derzhawin ihre Sünden zu bekennen. Sie klagten nicht sich selbst an, sondern häuften die ganze Schuld auf den verhungerten weiß russischen Bauer, beschuldigten ihn der Faulheit, der Ausschweifung und dergleichen. Den größten und besten Teil aber bekamen die Juden ab. Die Frage betreffs der Juden, die Derzhawin (nebenbei bemerkt, selbst ein schrecklicher Judenfeind) den Schlachzizen stellte, gab ihnen Gelegenheit, die demoralisierende Wirkung der Juden auf die Bauern, ihre ökonomische Ausbeutung, die dem naiven Bauer Blut und Mark saugt und seine ganze Wirtschaft ruiniert* in den furchtbarsten Farben zu malen. Mit einem Worte, wenn nicht die einzigen, so seien die Juden zumindest die Haupt- *) Es ist von Interesse, zu erwähnen, daß die jüdischen Kolonien dem jüdischen Volke den bekannten Dichter Frug schenkten, dessen Lieder tiberall in Rußland als Volkslieder von Juden und Russen gesungen werden. Leider aber hat sich das jüdische Dorfleben in seiner Dichtung nicht abgespiegelt. Aus dem jüdischen Bauernleben besitzen wir nur einige Bilder von Jizchok Breiter (gedruckt in „L6bn yn wisnshaft"), der selbst aus der Kolonie Ingulez stammt. Bedauerlicherweise ist der ohne Zweifel talentvolle Künstler mit seinem Schaffen sehr knauserisch, doch wollen wir auf mehr hoffen, als er uns bisher gegeben hat.