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Die Freistatt · 1914-01-20 · Heft 10 (20.1.1914) · p. Seite 559

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 10 (20.1.1914)
Article
Die jüdische Kolonisation in Palästina II
Date
1914-01-20
Page
Seite 559 (sequence 5)
Language
German
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558 L Lewin, Die jüdische Kolonisation in Palästina II sein müßte, war es gewiß nötiger als anderswo, daß Organisationen den Siedlern zu Hilfe kamen. Die Kolonisten sind nicht an Selbsthilfe, sondern an Bevormundung und Unterstützungen gewöhnt worden; auf der gesamten Siedlung lastet dieses Schnorrersystem manchmal so stark, daß über seinen Wirkungen kaum jemand die objektiven Schwierigkeiten wahrgenommen hat, die unabhängig von allen Siedlungssystemen wirksam sind. Jedenfalls läßt sich heute die palästinensische Siedlung nicht zum Beweis dafür heranziehen, daß eine organisch erfolgende jüdische Kolonisation möglich sei. Als die ersten Kolonisten von den Chowewe-Zion im Stich gelassen wurden und sich überallhin in Israel um Hilfe wandten, kam, wie eine Antwort darauf, Baron Rothschilds Administration zu ihnen. Deren Wirkung ist in zwei Richtungen zu verfolgen; einmal als indirekte auf die Kolonisten und dann als direkte auf die Kolonien selbst. Der Baron schaute auf die Kolonien wie auf sein kleines Königtum und auf, die Siedler wie auf Untertanen, auf Kinder, die nichts allein tun und sich in allem auf ihn und seine Administration verlassen sollten. Es kam so weit, daß der Kolonist in seinem eigenen Haus und Hof nichts mehr selbstständig unternahm und alle Unternehmungslust verlor. Andere waren da, für ihn zu sorgen. Eine neue Chaluko wurde geschaffen. Jeder Hausbewohner erhielt ein Monatsgeld von 10 bis 15 Frs.; zu den Feiertagen kamen ganze Wäsche- und Kleidersendungen aus Paris, So wurden die Kolonisten all* mählich regelrechte Almosenbezieher. Und selbst heute, nachdem doch schon acht Jahre das offizielle Almosen nicht mehr gegeben wird, sind viele Kolonisten der Ueberzeugung, es lasse sich in Palästina ohne Almosen nicht leben. Immer wieder hört man sie klagen gegen die Zionisten: weil die ihnen keine unverzinsbaren Darlehen gewähren; gegen die Ica, die heute einen Kontrakt von ihnen verlangt und pünktliche Ablieferung der Zinsen; überhaupt gegen ganz Israel, das sie nicht genügend unterstütze. Die palästinensischen Kolonisten gefallen sich heute darin, sich wie nationale Heilige zu betrachten, und sie erwarten dafür, daß sie sich in Palästina angesiedelt haben, vom jüdischen Volk Dank und ehrliche Bezahlung. Jahrelang lag die gesamte Verwaltung und die Entscheidung über alles, was in den Kolonien vor sich gehen sollte, in der Hand der Administration. Die Kolonisten hatten darauf gar keinen Einfluß. Die Administration unterschied die gehorsamen von den widerspenstigen Elementen und behandelte sie demnach. Sie führte ein regelrechtes Schnüfflersystem ein; Angeberei und Verleumdung führten zur Spaltung und Uneinigkeit unter den

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