Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (20.1.1914)
- Article
- Westjüdische Erneuerung
- Date
- 1914-01-20
- Page
- Seite 553 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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552 F. M. Kaufmann, Westjüdische Erneuerung meinschaft fließen, mit herumschwimmt, und doch ernstlich an ein Sicheinstellen in die nationale Erneuerung denkt, der muß sich freilich legitimieren. Aber nicht dadurch, daß er sich ein flatterndes literarisches Judentum konstruiert, fernab allen Nöten und allen Schlachten, die das Volk schlägt Sondern so, daß er endlich Wurzel faßt, von irgendeinem Punkte aus sich einen Weg schlägt, der in jüdisches Volkstum hineinführt. So einfach und konfliktenfrei, wie sich das Landauer in seinen sehr braven und leider wenig ketzerischen Gedanken vorstellt, ist das selbstverständlich nicht. Gerade gegenüber derart schweren Entscheidungen, wie sie dem Geschlechte heutiger Westjuden obliegen, und es zwingen, sich den Weg erst zu ertasten, ist eine lebensunwahre Zuversicht, in die sich vielleicht ein einzelner hineintrösten kann, mehr als wertlos — sie kann nur schaden. Auch das verwirrt nur den Tatbestand, wenn in diesem Buche unerträglich oft, und durch die vielen monotonen Wiederholunger alle Glaubhaftigkeit verlierend, junge Menschen uns damit langweilen, was sie wollen, hoffen, sollen. Ihnen, die das Buch zutreffender „Vom Westjudentum" genannt hätten, ist doch nicht das Problem, was sie hoffen und wollen. Nicht das war hier zu beweisen, daß eine religiöse Erneuerung not tut — das ist ein Lied, das sich in Europa auf allen Gassen singt. Sondern das Unwahrscheinliche, Unmögliche war darzutun, daß aus der Pseudogemeinschaft überintellektualisierter Westjuden, die in allen Nuancen übertriebenen Subjektivismusses schillert, der alle natürlichen Zusammenhalte der Sitte, des Glaubens und des Empfindens fehlen, und deren Menschen nur ein winziges Wegestück zusammenmarschieren können — daß, und wie aus diesen verschwimmenden Zusammentreffen Zusammenhangloser die großen Lebensformen geschaffen werden können, innerhalb derer sich die Religiosität jüdischer Volksmassen auszuleben vermag. Woher und auf welchen Wegen uns die national-religiöse Erneuerung allein kommen mag, die einst bis in die blutleeren Adern abgestorbener westjüdischer Extremitäten gewaltige Wellen werfen soll, das hat uns nur einer in diesem Buche andeuten können, einer, der dort ganz für sich steht, und gegen den Geist des ganzen Buches: Mathias Acher. Für die anderen gelten noch immer die besonnenen Worte, die Troeltsch, der im soziologischen Problem der religiösen Erneuerung Bescheid weiß wie nur einer, einmal schrieb, *) und die wie eine herbe, aber gerechte Kritik an diesem Buche vom Westjudentum klingen: *j Troeltsch: Logos und Mythus in Theologie und Religionsphilosophie, Logos 1913 IV/I.