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Die Freistatt · 1914-01-20 · Heft 10 (20.1.1914) · p. Seite 552

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 10 (20.1.1914)
Article
Westjüdische Erneuerung
Date
1914-01-20
Page
Seite 552 (sequence 7)
Language
German
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IRI
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F. M. Kaufmann, Westjüdische Erneuerung 551 die jüdische Gegenwart und das lebendige Volk vorschnell ist, die Art nervöser Menschen, die nicht ein ruhiges Erkennen der Dinge und mühsames Umlernen abwarten mögen. Auch darüber täuschen wir uns nicht, daß wir verwickelten soziologischen Problemen mit unzulänglicher Rüstung gegenüberstehen. Wir nehmen mit Entsetzen wahr, daß sich an uns der schlimme Fehler des maskilischen und allen zionistischen Denkens bitter rächt, jene unwissenschaftliche, tendenziöse Art, an soziale Erscheinungen einen absoluten Maßsiab anzulegen, und historisch Gewordenes an Forderungen zu messen, die heterogenen Gebieten, der Individualethik etwa, oder gar „normalen" Völkern entnommen sind. Wir ahnen: wer das jüdische Heute erkennen und abschätzen will, der muß es dem Gestern und Ehegestern vergleichen; nur so, indem er es behandelt wie jedes andere soziologische Ding, es relativ wertet, wird er ihm keine Gewalt antun. Darum schmerzt es uns tief, daß wir vom Heute nichts haben als Zerrbilder, die uns der Zufall aufzwang, und daß unser Wissen um das Gestern noch ärmlicher ist. Wenn wir trotz dieser schmerzhaften Einsichten unsere Arbeiten veröffentlichen, so geschah es, um ein Dokument zu hinterlassen von der krausen und verwirrten Art unseres Denkens über unser Volk und seine Zukunft; es geschah, um unserer Armut und unseren Schmerzen wenigstens einen Ausdruck zu geben. Wir bieten dieses Buch, um ein getreues, ruhiges, von allen Grellheiten freies Bild unseres jetzigen qualvollen Judeseins zu hinterlassen usw." Statt dessen geht ein unsagbar anspruchsvoller, sich oft zur Geschwätzigkeit trivialisierender Ton durch viele Seiten dieses Buches, der in gar keinem Verhältnis steht zu den dargebotenen Erkenntnissen. Es fehlt hier in vielem an jeglicher Ehrfurcht vor dem Problem, jener selbstverständlichen Tugend, die allen wesentlichen Aeußerungen kraftvoller Naturen ihren Adel gibt. Hier entschuldigt nichts das Wort, daß Jugend da ist, Tafeln zu zerbrechen. Wäre das nur geschehen. Wäre diese mangelnde Ehrfurcht wenigstens der Fehler jenes Vorzugs, daß unzähmbarer Sturm und starke, ursprüngliche Temperamente über die Seiten rasten. Derartiges sucht man im Buche vergebens. Ich schmecke gerade dort, wo den Problemen die unzulänglichste Behandlung geschah, eine greisenhafte, an unfruchtbare, müde Geschlechter erinnernde und hinter blasiertes Buchwissen mühsam sich bergende Temperamentlosigkeit, die durch die klingenden Worte immer wieder hindurchgähnt. Selbst aber für die meisten selbständigeren Menschen, die in diesem Buche schrieben, gilt dies: Wer wurzellos ist, noch in allerlei Strömungen, die außerhalb aller jüdischen Volksge-

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