Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (20.1.1914)
- Article
- Westjüdische Erneuerung
- Date
- 1914-01-20
- Page
- Seite 551 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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550 F. M. Kaufmann, Westjüdische Erneuerung kämpfen sinnfälliger Aspekte des fremdgewordenen Volks gefordert würde. So gehen diese Interpreten eines zionistischen Judentums den umgekehrten Weg und konstruieren ein Judentum, leicht, ästhetisch, nervenreizend genug für Menschen ihrer geistigen und sozialen Situation, ein schmackhafteres als das alte, indem sie das ihnen Genehme und auf der europäischen Kulturtafel sie nicht Kompromittierende als das Wesentliche im Judentum titulieren, und alles vom historisch Gewordenen, was mit dieser fin-de-siecle-Stimmung nicht harmoniert, als unwesentlich, pseudojüdisch herauswerfen. Darum ist es nicht zufällig, daß selbst Arbeiten, die sich auf eine breitere, die Geschichte charakterisierende Art geben, und gewisse historische Abläufe im Judentum behandeln, aus der Weite und Unermeßlichkeit der Jahrhunderte plötzlich in die Enge der zionistischen Parteihecken einschrumpfen, und jenes Hedad ertönt, dem satte Farben zu leihen der Geist der Geschichte beschworen ward. Die Bemühung zu einer historischen Erkenntnis, die auf jede vorschnelle thesenmäßige Ausbeutung verzichtend die Dinge selbst reden läßt, oder wenigstens sie in ihrer Totalität zu packen versucht,, wird man kaum in diesem Buche antreffen. Der geschilderte Mangel an einfachstem und primitivstem Wissen um die jüdischen Dinge ist nun nicht dadurch wett gemacht worden, daß die geistige oder parteimäßige Strömung, von der die Mehrzahl der Autoren getragen ist, ihnen irgendwelchen Ersatz oder eine Erweiterung für die unglaubliche Enge des persönlichen Sehfelds. Wie konnte sie das? Die zionistische Ideologie ist es, in ihrer unhaltbarsten Formulierung, die fast alle diese Menschen im Banne hält. Sich zu ihr bekennen, wie es im Geleitwort des Buches geschieht, mag einem Zufalls* publikum, das Freude hat an Modeworten und kritischer Ein* sieht entbehrt, wie eine mutvolle, empfehlende Tat scheinen. Nach anderthalb Jahrzehnten zionistischer Partei und anderthalb Jahrhunderten des Maskilismus war aber etwas anderes nötig: eine klug abgemessene Entschuldigung, daß diese Jungen ihren Denkakt noch immer in der engen, unzulänglichen, nach Papier, nicht Leben riechenden Zelle des Zionismus vollziehen. Der Geleitwortschreiber hätte, weniger redselig, bescheiden sagen müssen: „Wir, — Westjuden, denen es aus objektiven und subjektiven Ursachen her bis heute leider nicht möglich war, mehr als einen kleinen Zipfel vom Reichtum des Judentums zu fassen — wir bieten hier Formulierungen, von denen wir wissen, daß sie, an ärmlichen Erfahrungen gewonnen, nicht Dauerndes, nur Stufen einer lebensvolleren, weniger literarischen Einsicht sein können. Wir sehen ein, daß unser Jammern und Klagen über