Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (20.1.1914)
- Article
- Westjüdische Erneuerung
- Date
- 1914-01-20
- Page
- Seite 550 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119811-3121267--1049-3121305- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
F. M. Kaufmann, Westjüdische Erneuerung 549 (ihrer Meinung nach) wesentlichen Judentums nicht besitzen können — fehlt ihnen doch selbst von dem gegenwärtigen, der sinnlicher Beobachtung zugänglichen jedes mehr als parteimäßige Bild —, so haben sie, jeder einzelne, den großen Vorteil, in diesen leicht dehnbaren Schemen eines wesentlichen Judentums alles hineingeheimnissen zu können, was ihnen unklar und verworren das Gemüt beschwert Da sah doch die deutsche Romantik anders aus. Als das Trugbild der Vergangenheit sich ihr langsam zertrümmerte, war ihr dies zugleich ein Hinwegräumen vieler Blickbeschränkungen aus dem Sehfeld; sie konnte weder schaffen, vielleicht aufatmend, daß der historisch auftretende Trug ihr genommen war. Das aber ist diesen Juden unmöglich, die keine Gegenwart kennen, sie verleugnen und nichts festes Jüdisches unter den Füßen haben, als einen Punkt in der Vergangenheit, den sie aus Oberflächenkenntnis für fest halten, an den sie also anknüpfen, damit er sie zu einer organischen Erscheinung im Judentum mache. Was wollen sie anfangen, die auf ihren Füßen nichts haben als Stimmungen, Wünsche einer fast entmaterialisierten Judenseele, wenn der Geschichtsforscher den Interpreten ablöst und einer wunschhaften Deutung jener Zeiten den Raum nimmt? Nimmermehr kann ihnen die Korrektion der im Westen noch geltenden vagen Auffassung jener Epoche, an der heute schon die kritische Bemühung manches Historikers arbeitet, eine Bereicherung oder gar ein Befreien werden; für sie kann sie nur ein Zertrümmern sein. Wer nämlich in den meisten Aufsätzen des Buches durch den bloßen Wortlaut hindurch die psychische Situation zu fassen vermag, die zu den dortigen sich oft religiös gebenden Denkresultaten drängt, der nimmt wahr, daß er es nur zu häufig mit einer sträflich leichtfertigen und koketten Kulturkritik zu tun hat. In fast all diesen Menschen fraß schmerzend und peinigend die Not, ihr Judesein und häufiger noch ganz plump „ihren" Zionismus, dies letzte Asyl, das ihnen vorläufig angesichts der grauenhaften Einöden des Subjektivismus und der unehrlichen Entscheidungen der Assimilation blieb, irgendwie zu rechtfertigen. Zu rechtfertigen nicht etwa dem eigenen Judenvolk gegenüber, in dessen Namen sie ohne Auftrag redeten, das aber nur allzugeschwind über allen schöngeistigen Aufputz hinweg in die Blutleere und Frostigkeit solchen literarischen Judeseins hineinschauen könnte. Sondern sich selbst gegenüber zu rechtfertigen und dem Zufallspublikum entjudeter Westler. Das würde ja niemals ein Bekenntnis zum Judesein ablegen, wenn damit die schmerzhafte Ueberwindung starker sozialer und individueller Hemmungen, und das zeitraubende, mühsame Er-