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Die Freistatt · 1914-01-20 · Heft 10 (20.1.1914) · p. Seite 549

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 10 (20.1.1914)
Article
Westjüdische Erneuerung
Date
1914-01-20
Page
Seite 549 (sequence 4)
Language
German
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548 F. M. Kaufmann, Westjüdische Erneuerung daß gerade diese Arbeiten teilweise fast unverwandt zur Gegenwart hinblicken, sie beeinflussen wollen, ihr überhaupt erst den Antrieb entnehmen, der sie zum Spüren in der Vergangen* heit treibt, dann wird man es nicht als nebensächlich entschuldigen, wenn dieser Autoren Konzeption vom Gegenwärtigen eine unsäglich enge, literarische und unsinnliche ist.) Der gute Wille, Probleme, die einem das Gemüt bedrücken, zu lösen, tut es doch nicht Man muß doch dazu auch etwas mitbringen, die Wissensinstrumente, mit denen allein sich die Tore des gegebenen Labyrinths öffnen lassen. Gewiß, es schreiben im Buch vom Judentum auch Menschen, die ein von allem Snobismus und modischem Kulturprotzen gereinigtes „Gute- Europäer"tum ihr eigen nennen; also jene Bildungselemente, die sich heute auf den Schulen des Westens der immer kleine Kreis zum Sichbilden Berufener aneignet. Damit aber weiß man nur etwas von dem oder jenem Europa; das ist etwas, das sich für jeden, der zur Oeffentlichkeit spricht, von selbst verstehen sollte. Das gibt keinen Aufschluß über die Kräfte und die Massen, die ein gegenwärtiges Judentum hervorbringen. Oder sage ich lieber: kaum einen Aufschluß. Denn die verschiedenen Erscheinungsformen der Assimilation und die mehr oder weniger kraftlosen Widerstände ihres Jüdischen gegen Wesensentäußerung gehören ohne Zweifel zu den Erfahrungen ihres Europäertums. Jedoch von jenen anderen Vorgängen im Schoß der zentralen Judenmassen, auf die es doch hier ankommt, sind das, will man den besten Fall annehmen, nichts als interessante Grenzfälle, die auch keine von den gewaltigen Tatsachen des Volksseins zu erhellen vermögen. Nun aber kommt zu diesem Unzulänglichen etwas hinzu, was viele dieser Menschen stolz ihr eigen nennen. Das ist eine gefährliche Art Halbwissen, Wissen aus sechstem Kopf, dem keine eigene Forschungsbemühung vorausging, das bequeme, weil jeder kritischen Besinnung abholde Uebernehmen der sehr zeitlichen Auffassung eines wesentlichen Judentums. Es ist das jene interessante, aber ganz und gar einseitige Darstellung vom Wesen und der Zeit des Chassidismus, die sich Buber zu eigen machte. Die Kurzlebigkeit der Burckhardschen Aufstellung eines Griechentums hätte warnen müssen. Auf Bubers Konzeption wenig aufgehellter Geschichtsdunkels, die noch immer sehr unbekannte Lebensvorgänge stark zurechtbeugt und in keinerlei Weise das Kräftespiel im damaligen Volksorganismus universal umfaßt, das aus dem erwähnten Grunde auch gar nicht konnte, — auf diese Konzeption eines einzelnen stützt und in ihr erschöpft sich nun der meisten Autoren Wissen um das Judentum. Da sie also eine körperhafte, historische Anschauung dieser Zeiten

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