Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (20.1.1914)
- Article
- Westjüdische Erneuerung
- Date
- 1914-01-20
- Page
- Seite 548 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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F. A/L Kaufmann, Westjüdische Erneuerung 547 tischer Zeiten anmuten, trotzdem die ganz und gar anderen technischen, sozialen und nicht zuletzt die jüdischen Vorbedingungen eine derartige Romantik kaum mehr in den Vorgang der westeuropäischen einbeziehen lassen. (Wer hier Greifbares aufsuchen will, der schaue einmal, um von anderen ganz zu schweigen, wie in Perez, der einer von denen auf der Zeitenscheide ist, die Ironie plötzlich in ihr anscheinendes Extrem umschlägt, das in Wirklichkeit ja nichts ist als die Vertiefung jener und ihre Beseelung: in Romantik. Längst bevor man im Westen etwas ahnte von dem hier bald zu einem Stück Mode gewordenen und zurechtgestutzten Chassidismus, hat Perez das große Gut chassidischen Lebens, das noch immer im Osten brennt, zu einer ungeahnt lebensnahen Romantik dichterisch gestaltet.) Die zahlreichen Einzelvorgänge bei den Ostjuden, die sich gar nicht anders deuten lassen wie als allseitiges Ringen nach Weiterbau und Beseelung der nationalen Lebensformen — ein Ringen, das dem Grundcharakter der ostjüdischen Gesittung gemäß sich mehr und mehr auf das sozialreligiöse Brachfeld hinüberzieht —, diese Vorgänge sind von den Autoren des Buches „vom Judentum", sehe ich von Birnbaum ab, nicht übersehen, sie sind nicht einmal geahnt worden. Das redet in Fanfarentönen von allem, was augenblicklich auch in manchen anderen Schichten westeuropäischer Religionssucher verhandelt wird. Aber keine Zeile, die verrät, daß der Autor über die dichten Hecken, hinter denen sich westjüdischer Subjektivismus und Zionismus ein Stelldichein gaben, auf das lebendige Volk hingeblickt habe. Hier wagen es also Menschen in anspruchsvollen Tönen über Judentum zu klagen, es abzulehnen, zu preisen oder gar es zu beschreiben, die niemals jenem Lebenden, Sichauswirkenden ins Antlitz sahen, das, sieht man von dem Komplex der rein Historischen ab, erst die Erscheinungen des Judentums erzeugt, dem Volk. Wer heute über Amerikanertum schreibt und will, daß sein Schreiben ernst genommen wird, der kann nicht umhin, die neue Welt mit dem ganzen Reichtum, der vollen Breite und allen Grundlagen ihres Seins und dann auch ihres Gewesenseins umspannt, ihr Leben eingeschlürft zu haben mit den Sinnen. Das ist ein selbstverständliches Postulat — solange es sich eben nicht um das jüdische Problem handelt. Hier aber haben junge Menschen die nicht geringe Verantwortung, dem Westen über Judentum wesentliches Neues zu sagen, auf sich genommen, ohne irgendwie vor ihren Deutungsversuchen jüdisches Volk erlebt zu haben. (Man mag mir einwenden, ein Teil der Aufsätze betreffe historisches Judentum, und denen könne Unkenntnis des Gegenwärtigen keine Einbuße tun. Bedenkt man aberj