Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (20.1.1914)
- Article
- Westjüdische Erneuerung
- Date
- 1914-01-20
- Page
- Seite 547 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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546 F. M. Kaufmann, Westjüdische Erneuerung scheinungen) ihrer Zeit und ihrer Volksgemeinschaft standen, standen sie inmitten dieser Zeit Sie bauten nicht auf den Flugsand einer willig interpretierten Vergangenheit oder gar auf den luftigen Schemen einer von aller Gegenwart abgerissenen, vom Verstand und von allerlei Wünschen gemalten Zukunft, sie bauten in das Leben, in ihre Volksgemeinschaft hinein. Nicht einzelne waren sie, nicht Grenzfälle einer soziologischen Erscheinung, — in ihnen verdichtete sich die Leidenschaft und das Glühen eines ganzen Volkes; das Soziale hatte in ihnen seine Exponenten und seine Erfüllen Nicht die Gegenwart, nicht das Leben oder gar ihr Volk war es, das sie verneinten; mit beiden Füßen stemmten sie sich dort hinein, besser gesagt, standen sie dort drinnen; was sie verneinten war nicht das Gegenwärtige, sondern das längst Zerbrechende. Auch sie konstruierten und phantasierten, aber selbst diese Gebilde des Geistes durchflutete Strom des Lebens, wenn sie daran gingen, ihrer Geschichte einen Sinn zu geben, taten sie das nie mit den leeren Händen eines, der keinmal Leben betastet, belauscht, schlagen hörte, sondern sie hatten eine starke, körperhafte Konzeption ihrer nationalen Welt. Waren keine zusammenhanglose, nur durch Leid und von außen aneinandergedrängte Schicht, die sich aus hundert Modekulturen und -religionen nährte — ihre Unterlagen waren derber, solider als Anthologien und Bibliophilenbandchen —, es trug sie eine lebendige Nation, es speisten sie die gewaltigen Quellen einer starken alten Gesittung. — Was uns aber dieses Buch als jüdische Erneuerung oder gar als jüdische Romantik glaubhaft machen will, das ist keine soziale oder gar nationale Angelegenheit, keine Bewegung jüdischen Lebens, nicht dessen Neuwerden; das ist bläßliche Literatur. Man muß hierbei doch mit gutem Fug von den Reflexen absehen, die der westeuropäische Kulturablauf bei einzelnen stark in sein Räderwerk eingespannten Juden hinterlassen hat. Die Ausströmungen dieser Reflexe können doch niemals zu dem Crescendo anschwellen, das ihnen im Sozialen, in breiteren Jude nmassen eine Resonanz schüfe. Will man trotzdem mit ihnen rechnen, so hat man sie in irgendeiner deutschen oder anderen westeuropäischen Neuromantik unterzubringen. Ihre schwachen, niemals das jüdische Soziale aufpeitschenden Entladungen erfolgen irgendwo, ganz außerhalb des Volksorganismus. Das jüdische Leben wird von ihnen nicht berührt. Nicht als ob es nichts von ungeahnt starken Erschütterungen wüßte. Es weiß, daß allen Gesetzen der ungefähren Gleichzeitigkeit europäischer Kulturabläufe zum Trotz in seinem ostjüdischen Heute Dinge vor sich gehen., die in der Tat wie ein gewaltiges Erklingen roman-