Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Die jüdische Sprache und der jüdische Handel
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 525 (sequence 8)
- Language
- German
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524 Benzion Rubstein, Die jüdische Sprache usw. Sprache gründen sich auf die künstliche Russifizierung, die selbstverständlich im selben Augenblick verschwindet, da die nichtgroßrussischen Völker ihre nationale Gleichberechtigung erlangen und ihre nationale Schule durchsetzen. Dann wird Russisch aufhören, die allgemein verstandene Sprache zu sein (wie z. B. Deutsch in Galizien, obwohl man nach dem Gesetz die deutsche Sprache in allen Schulen Oesterreichs lehren muß), und dann wird Jiddisch es werden, das die jüdischen Kaufleute ganz Rußlands vereinigen wird; Jiddisch wird die Sprache des Bii.rjengroßhandels Rußlands werden. Und der ökonomische Wert des Jiddischen wird auch hier aus dem Grunde steigen, weil keine von den anderen Sprachen der Völker Rußlands so stark wie die jiddische verbreitet ist, und keines dieser Völker über ein so großes und enges Netz eigener Sprachgruppen verfügt wie die Juden, * Die Geschichte weiß von vielen Fällen, wo gewisse soziale Klassen ihre eigenen Klasseninteressen nicht verstanden haben — meist tritt dies nach der Entstehung neuer sozialer Verhältnisse ein. Gleiches erlebt jetzt das jüdische Handelsbürgertum. Das Leben schuf ihm eine privilegierte Lage im internationalen Handel. Das, worauf die mächtigsten Völker so viel Mühe und Geld verschwenden — sich sprachlich mit dem fernen Absatzmarkte zu verbinden, fiel der jüdischen Bourgeoisie infolge der jüdischen Massenauswanderung aus Osteuropa und ihrer Verstreuung über die ganze Erde in viel reicherem Maße zu. Aber sie versteht ihre Lage nicht auszunutzen. Mit eigener Hand vernichtet sie die ihr vom Schicksal bescherten günstigen Handelspositionen. Die Sprachassimilation, nach der das jüdische Bürgertum in Osteuropa so sehr strebt, schwächt nicht nur seine Stellung im Außenhandel, sondern wird in nächster Zukunft auch dem Anteil der Juden im Innenhandel Rußlands viel Schaden bereiten. Wird die jüdische Handelsbourgeoisie schließlich ihre eigenen Interessen erkennen? Nach dem, wie sie sich bisher zu dieser Frage verhalten hat, haben viele eine pessimistische Antwort. Ich bin aber überzeugt, daß das eiserne Gesetz des Lebens endlich die assimilatorisch-sklavische Ideologie unserer Handelsbourgeoisie brechen wird. Das was geschehen muß, wird geschehen! Dies jüdische Handelsbürgertum wird schließlich den ökonomischen Wert der jiddischen Sprache für seinen Außen- und Innenhandel erkennen. Ich glaube daher, daß es sein Verhältnis zum verhaßten „Jargon" in allernächster Zukunft ändern wird. Und weil die Erhaltung des Jiddischen für seine ökonomischen Inter-