Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Die jüdische Sprache und der jüdische Handel
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 524 (sequence 7)
- Language
- German
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Benzion Rubstein, Die jüdische Sprache usw. 523 sächlich mit der ganzen Welt verbunden. Will z. B, der jüdische, russische, tschechische oder englische Kaufmann die Exportmöglichkeit für irgend einen Artikel nach irgend einem fernen Lande oder Orte erforschen, so hat es der Jude am leichtesten. Im ersten Augenblicke, da er das neue Territorium betritt, begegnet er seinen Sprachgenossen, die ihn selbstverständlich bei seinen kaufmännischen Untersuchungen unterstützen. Dank der Sprachgemeinschaft kann sich der Jude im neuen Milieu rasch orientieren und fühlt sich bald zu Hause. Auch dem Engländer fällt die Sache ziemlich leicht, vielleicht noch leichter als dem Juden. Auch er begegnet hier Sprachgenossen, die ihn in seiner Arbeit fördern können. Außerdem ist seine Lage noch dadurch günstiger, daß seine Regierung bemüht ist, die englische Sprache unter der eingeborenen Bevölkerung zu verbreiten. Sehr schwer aber geht es dem russischen und tschechischen Kaufmann. Die sind hier vollständig fremd, und bis sie die Sprachhindernisse überwunden haben, sind der jüdische und englische Kaufmann schon lange fertig. Hinzugefügt muß aber werden, daß die größte Zahl von Handelspunkten auf der Erde gerade dem jiddischsprechenden Kaufmann zugänglich ist, weil keine einzige andere europäische Sprache, auch Englisch und Französisch nicht, so verbreitet wie Jiddisch ist. Aus ebendiesem Grunde ist es unmöglich, Jiddisch durch die Kenntnis anderer Sprachen zu ersetzen. Und wenn der jüdische Kaufmann sein Kind in einer nichtjüdischen Sprache, und sei es die verbreitetste aller europäischen Kultursprachen, erzieht, erschwert er ihm dadurch allein schon den Weg zum internationalen Handel, verringert seine Kampfesfähigkeit im Außenhandel, engt seine Handelsperspektiven ein. Und die osteuropäischen Juden müßten sich gerade solchen Sprachen assimilieren, die ihre nationalen Grenzen gar nicht überschreiten (Russisch, Polnisch usw.), für den internationalen Handel daher absolut wertlos sind. Die jüdische Bourgeoisie, die bewußt nach dieser Sprachassimilation strebt, untergräbt mit eigenen Händen die Grundlage ihrer ökonomischen Existenz. Aber nicht nur im Außenhandel ist die jiddische Sprache ökonomisch vorteilhaft. Ihr ökonomischer Wert wird auch im Innengroßhandel jener Länder, wo die jiddischsprechenden Massen konzentriert sind, sehr bedeutend sein. Niemand zweifelt doch an der künftigen demokratischen Entwicklung Rußlands. Sie liegt ebenso wie in allen anderen Nationalitätenstaaten auf der Linie der nationalen Autonomie. In vielen Teilen von Rußland besitzt die großrussische Sprache keine natürlichen Vertreten Der russische Charakter von Städten in den nichtgroßrussischen Teilen Rußlands und die heutige Hegemonie der russischen