Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Die jüdische Sprache und der jüdische Handel
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 526 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119810-3121105--0970-3121215- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ben Mordechai, Oekonomische Uebersicht 525 essen notwendig ist, wird ihm die jüdischnationale Idee, die jüdische Kultur und die jüdische Sprache zu einer nationalen Dreieinigkeit werden* (Aus dem jiddischen Manuskript übersetzt.) Ökonomische Übersicht Die jüdische Landwirtschaft in Rußland Von Ben Mordechai Eine der interessantesten Erscheinungen im Leben der Juden Rußlands ist das Streben oder richtiger die Rückkehr zur Mutter Erde. Wie alles andere verdankt sie ihre Entstehung nicht schönen Worten und „feuriger" Agitation, sondern ausschließlich der Prosa des Lebens, dem Existenzkampf im einfachen Sinne des Wortes. Das Streben ist eigentlich nicht neu. Die Bauernbefreiung (1861) hatte die größte Bedeutung für den jüdischen Händler und Handwerker des Ansiedlungsrayons: Die Konsumfähigkeit des Dorfes stieg und damit auch die Nachfrage nach den Produkten des jüdischen Handwerks und denen des jüdischen Kaufmanns. Bald zeigten sich auch die Schattenseiten dieser Erscheinung. Der Kapitalisierungsprozeß fand im freien Dorf einen besseren Boden, und der unter dem Namen „Die Proletarisierung des Dorfes" bekannte Vorgang fing an. Dieser Vorgang wurde durch den vervollkommneten Pflug und die Mähmaschine sehr beschleunigt, die in jeder größeren Bauernfamilie eine gewisse Anzahl von Arbeitshänden überflüssig machten. Der persönlich freie Bauer, der in seiner Familie überflüssig geworden war, mußte nun andere Arbeit suchen. Alle „Ueberflüssigen" strebten den Mittelpunkten des Handels und der Industrie zu, den Städten. Wenn nun auch die Bauernbefreiung das starke Wachsen der russischen Industrie ermöglichte, so war diese Fabrik-Industrie doch nicht imstande, die ganze aus dem Dorfe verdrängte Masse aufzunehmen. Es war also historisch notwendig, daß ein Teil in den Kleinhandel und das Handwerk einzudringen begann, Zweige, die im Ansiedlungsrayon eine Zeitlang fast jüdisches Monopol waren. Am nächstliegendsten und, wenigstens in der ersten Zeit, einzig möglich war der unkomplizierte Handel und das Handwerk in Dorf und Kleinstadt, deren Juden die ersten waren, welche von den Dorfproletariern bedroht wurden, Sie mußten, insoweit sie nicht