Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Die jüdische Sprache und der jüdische Handel
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 523 (sequence 6)
- Language
- German
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522 Benzion Rubstein, Die jüdische Sprache usw. künstliche Schaffung kleiner sprachlicher Zentren — wie man einst durch die Kreuzzüge religiöse Zentren schuf — ist fast unmöglich. Sobald kleine sprachliche Gruppen in den Strudel des Ökonomischen Lebens eines Landes hineingezogen werden, müssen sie sich sprachlich assimilieren* Die Sprache unter der eingeborenen Bevölkerung verbreiten, wie man einst die Religion verbreitete! Ja, das tun auch wirklich alle nach ökonomischer Eroberung strebende Staaten. Engländer, Franzosen und Deutsche geben Hunderte von Millionen aus, um ihre Sprache in der Türkei, in Afrika, China usw., die jetzt die Hauptkonsumenten für ihre Waren sind, zu verbreiten. Auf diesem Gebiete können sie aber keinen besonderen Erfolg erwarten. Sprachassimilation ist viel schwerer als die Bekehrung von Götzendienern zu einem neuen Glauben, der den neu entstandenen sozialen Verhältnissen besser entspricht. Die Erfahrung hat bereits gelehrt, welchen hartnäckigen Widerstand die Völker der Sprachassimilation entgegensetzen, so daß man hier also keine großen Erfolge erwarten kann. Dem Schicksal gefiel es nun, uns im Welthandel in dieselbe Lage wie zu Beginn unserer Diasporageschichte zu versetzen, in viel bessere Bedingungen als die übrigen Völker. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts fing die starke jüdische Auswanderung aus den osteuropäischen Ländern an. Jetzt läßt sich kaum mehr eine halbwegs wichtigere Stadt auf der Erde finden, wo unsere sprachliche Gruppe keine Vertreter hätte. Alle diese ostjüdischen, über die ganze Welt verstreuten Sprachzentren sind, oder richtiger gesagt, könnten die natürlichsten Verbreiter des jüdischen Außenhandels werden, und das jüdische Handelsbürgertum konnte jetzt wieder, wie einst, eine Hauptrolle im internationalen Handel zu spielen beginnen. Es ist ein bekanntes Gesetz, daß die Ideologie die Tatsachen überlebt, durch die sie ins Leben gerufen wurde. Als zu Beginn der Neuzeit die Religion als wichtigster Faktor bei der Entwicklung des Außenhandels durch die Sprache ersetzt wurde, hatte gerade die jiddische Sprache für den internationalen Handel gar keinen Wert, da sie in Osteuropa (Rußland, Oesterreich, Rumänien) lokalisiert war. Selbstverständlich konnten die Juden nicht künstlich Sprachenzentren schaffen oder die jüdische Sprache durch die Organisierung der Volksbildung in anderen Ländern verbreiten, wie es die Engländer, Franzosen und Deutschen tun. So konnte also die jiddische Sprache im internationalen Handel keine wichtige Stellung einnehmen. Das ist sicherlich eine der vielen Ursachen, die bei unserem Großbürgertum die Verachtung gegen das Jiddische hervorgerufen hat. Jetzt aber hat sich alles umgestaltet Jetzt ist der Jude, der jiddisch spricht, tat-