Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Die jüdische Sprache und der jüdische Handel
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 522 (sequence 5)
- Language
- German
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Benzion Rubstein, Die jüdische Sprache usw. 521 Jahrhundert sind nicht mehr die Juden, sondern die christlichen Kaufleute seine Hauptträger. Zur gleichen Zeit entsteht auch der Hansabund, der 90 Städte verschiedener europäischer Völker (darunter die russische Stadt Nowgorod) vereinigte, und der bis auf einige jüdische Kontors *) judenrein war. Viel stärker waren die jüdischen Positionen im Orienthandel, in der Vermittlung zwischen Europa und der musleminischen Welt. Aber auch hier beginnen die Fundamente des jüdischen Handels im 11. bis 12. Jahrhundert zu wanken. Sehl wenig Geschichtsschreiber verweilten bei der Frage, welche Rolle das nichtjüdische Bürgertum, das sich im 11. bis 12. Jahrhundert zu einer bedeutenden politischen und sozialen Macht aufgeschwungen hatte, bei der Entstehung und Entwicklung der Kreuzzugsidee spielte, durch die Bestrebung, den Orienthandel den jüdischen Händen zu entreißen.**) Eines aber ist für jedermann klar: Nach den Kreuzzügen wurde das nichtjüdische Bürgertum mit dem jüdischen auch im Handel mit der Welt des Islams konkurrenzfähig. Nach den Kreuzzügen entstanden in der mohammedanischen Welt eine ganze Reihe von mehr oder weniger bedeutenden christlichen Zentren. Wie die Juden verbreiteten und verstreuten sich also auch die Christen (freilich in unvergleichlich geringerem Maße) über den Orient, wodurch dem christlichen Orienthandel günstige Voraussetzungen geschaffen wurden. Die Religion spielte aber die Hauptrolle im Außenhandel nur so lange, als die europäischen und asiatischen Völker auf €iner niedrigen Stufe kultureller und moralischer Entwicklung standen, und überall die Buschmanns-Ethik galt: Mein Weib zu rauben, das ist Sünde; dem anderen das Weib zu rauben ist eine Heldentat. Diese Moral verschwand, wenigstens bei den zivilisierten Völkern. Außerdem entstanden mächtige Staaten, die ihre Bürger überall, auch an den fernsten Punkten des Erdballs zu verteidigen und vor Mißhandlung zu schützen imstande waren. Der Hauptfaktor beim Außenhandel war nun die Sprache (wenngleich die Religionsgemeinsamkeit auch jetzt noch nicht nur in Gebieten mit wilder oder halbwilder, sondern sogar in zivilisierten Ländern von Wichtigkeit war). Die größten Chancen für den Außenhandel hat die Gruppe, deren Sprache am meisten über die Welt verbreitet ist, und welche die größte Zahl auseinanderliegender sprachlicher Zentren besitzt. Die *) Falk, Die Geschichte des deutschen Handels, T. I. Leipzig 1859. — Da ich mir dieses Werk leider nicht verschaffen konnte, zitiere ich nach dem vorerwähnten Artikel Kulischers. (Anm. S. 228), **) Außer der oben zitierten Arbeit Roschers, Die Stellung etc, kenne ich keinerlei selbständige Untersuchung dieses Themas.