Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Die jüdische Sprache und der jüdische Handel
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 521 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119810-3121105--0965-3121210- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
520 Benzion Rubstein, Die jüdische Sprache usw. lehrten Jüngling suchte, weiL nur ein solcher nach seinem Tode die Führung seiner Geschäfte erfolgreich übernehmen konnte. Anfangs waren es nur die Juden, die Stammes- und Religionsverbindungen in allen Teilen der Welt hatten. Deshalb waren sie die Hauptträger, oder richtiger, monopolisierten sie den Außenhandel im allgemeinen und den zwischen Europa und Asien im besondern. Später änderte sich die Lage. Schon seit dem Beginne des Mittelalters errang der Katholizismus in Westeuropa, dessen Religionscharakter auf diese Weise sehr vereinheitlicht wurde, einen Sieg nach dem anderen. In Osteuropa warb die byzantinische Kirche und feierte im 10. Jahrhundert ihren letzten, aber auch glänzendsten Sieg — die russischen Slaven bekannten sich zur griechischen Kirche. Ganz Europa (bis auf einige Ausnahmen im Osten und Süden) war nun christlich. Wenn auch oft zwischen den verschiedenen christlichen Sekten großer Haß bestand, wenn auch im Namen des „Gottes der Liebeu das Blut Unzähliger vergossen wurde, nur weil sie irgend ein I-Tüpfelchen der offiziellen Kirche nicht anerkannten — so brachte das Christentum im allgemeinen doch die Völker Europas einander näher, flößte ihnen bis zu einem gewissen Grade das Bewußtsein von „Brüdern in Christo" ein. Das erleichterte den internationalen Verkehr und die Handelsbeziehungen der europäischen Völker sehr. So verloren also die Juden in Europa ihren Vorzug. Auch der christliche Kaufmann hatte überall in Europa Glaubensverbindungen. Allerdings eine so innige Verknüpfung wie die zwischen den Juden der verschiedenen Länder gab es bei den Christen niemals. Denn erstens fehlte hier das Bewußtsein der Stammeseinheit, zweitens hatte unter den Juden der Diaspora niemals ein politischer Antagonismus geherrscht, während die Christen verschiedener Völker sehr oft ineinander nationale Feinde und politische Unterdrücker erblickten, was für die Illusion der „Bruderschaft in Christo" sehr störend war. Aber der christliche Kaufmann in Europa fand schließlich doch immer bei der christlichen Kirche Schutz, und das machte ihn mit dem jüdischen Kaufmann konkurrenzfähig. Zwar wurden die Juden nicht vollständig aus dem internationalen Warenhandel der europäischen Völker verdrängt, wie man bis in die letzte Zeit hinein annahm. Im ganzen Mittelalter und auch in der furchtbarsten Zeit der jüdischen Geschichte, zu Beginn der Neuzeit, beteiligten sich die Juden eifrig am Großhandel Europas.*) Aber schon im 14* *) Kulischer, Warenhändier und Geldausleiher im Mittelalter, in „Zeitschrift für Volkswirtschaft und Verwaltung, Bd. XVII, Heft 1—11/ — Belou, Großhändler und Kleinhändler im deutschen Mittelalter, in .Jahrbücher für Nationalökonomie, HL F, Bd. XX., S. 47/ — Siehe auch die Responsen des Raban und anderer.