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Die Freistatt · 1913-12-08 · Heft 9 (8.12.1913) · p. Seite 520

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 9 (8.12.1913)
Article
Die jüdische Sprache und der jüdische Handel
Date
1913-12-08
Page
Seite 520 (sequence 3)
Language
German
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Benzion Rubstein, Die jüdische Sprache usw. 519 wie es viele Historiker haben wollen, schon von allem Anfang ausschließlich oder wenigstens in der Mehrzahl ein Handelsvolk gewesen wären, hätten sie ihre Spracheinheit gewiß beibehalten, was für den Außenhandel so bedeutsam ist und ihnen auf dieser Hauptgrundlage ihrer Existenz einen großen Vorsprung vor den christlichen Völkern gewährt hätte. Es hat aber den Anschein, daß nur dünne Schichten des jüdischen Volkes an der Spracheinheitlichkeit der zersplitterten Judenheit Interesse hatten. Die Hauptmassen der verschiedenen Teile des jüdischen Volkes waren ökonomisch voneinander unabhängig, hatten also kein ökonomisches Interesse an der Aufrechterhaltung des sozialen Verkehrs zwischen den jüdischen Zentren. Deshalb schwand die Spracheinheit des verstreuten und zersplitterten jüdischen Volkes sehr rasch. Das Fehlen einer allgemeinen jüdischen Sprache glich sich bei den jüdischen Kaufleuten dadurch aus, daß die wichtigsten Handelsausdrücke, dem Hebräischen oder Hebräisch-Aramäischen entnommen, den meisten Juden verständlich waren. Aber die Hauptrolle bei der Entwicklung des jüdischen Außenhandels spielte der Umstand, daß die jüdische Religionsgemeinschaft, an Zahl viel schwächer als die anderen, territoriell doch stärker (ich möchte sogar sagen: zweckmäßiger) über die Erde verbreitet war und ihre Mitglieder in viel mehr Hinsichten verknüpfte als die der christlichen Religionen. Wie sehr die Juden selbst instinktiv die ungeheure Bedeutung der Religion für ihren Außenhandel erfaßten, läßt sich daran ermessen, daß sich gerade im 6. Jahrhundert, als sie aus dem Landbesitz — also auch aus dem freien Ackerbau — verdrängt zu werden begannen und ihre Beteiligung am Handel verstärken mußten, das religiöse Band zwischen den europäischen Juden und ihren übrigen Glaubensgenossen fester gestaltete. Erstere, die bisher den religiösen Fragen indifferent gegenübergestanden und der starken religiösen Bewegung der orientalischen Juden ferngeblieben waren, interessierten sich plötzlich sehr für den Talmud und die Bibel Es ist kein Zufall, daß die jüdischen Großkaufleute des Mittelalters gleichzeitig auch große (jüdische) Gelehrte waren. Die „Ehre der Thora" war ihrem kaufmännischen Erfolge sehr nützlich: Je gelehrter der Kaufmann war, eines um so besseren Empfanges in den fremden jüdischen Gemeinden, wo die „Ehre der Thora" seit altersher sehr geschätzt wurde, konnte er sicher sein, um so leichter konnte er die erforderlichen Handelsnachrichten erlangen, um so bequemer wurde ihm die Orientierung in der fremder Situation. Nicht bloß Idealismus, sondern auch ein gesunder Lebensinstinkt tritt in der Erscheinung zutage, daß jeder reiche Kaufmann für seine Tochter vor allem einen schriftge-

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