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Die Freistatt · 1913-12-08 · Heft 9 (8.12.1913) · p. Seite 519

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 9 (8.12.1913)
Article
Die jüdische Sprache und der jüdische Handel
Date
1913-12-08
Page
Seite 519 (sequence 2)
Language
German
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518 Benzion Rubstein, Die jüdische Sprache usw. In ein ausgesprochenes Kaufmannsvolk wurden die Juden in Europa erst ungefähr im 6. Jahrhundert verwandelt, als man sie des Rechtes, Land zu besitzen, beraubte.*) Doch besteht kein Zweifel, daß die Juden im Altertum bedeutenden Anteil am Handel, insbesondere am Außenhandel, hatten, Die Ursachen dieser Erscheinung? Selbstverständlich nicht der besondere Handelsgeist, der die Juden nach der Meinung vieler Gelehrten (Sombart, Kautsky u. a.) erfüllt. Jedes Kulturvolk eignet sich für den Handel, und diese Eignung wächst mit dem Kulturaufstiege. Jedenfalls kannte das Altertum Völker, die viel handelstüchtiger als die Juden waren — Griechen, Syrier —, und wenn die Juden dessenungeachtet die Hauptträger des Handels auch später noch im Mittelalter wurden, so verdanken sie es hauptsächlich ihrer stärkeren Zerstreuung über die ganze Erde, die noch lange vor dem Falle des ersten Tempels begann. Die große Bedeutung der sogenannten „Fremdenmoral" für den internationalen Verkehr und Außenhandel im Altertum ist bekannt Im Altertum und Mittelalter gab es bei allen Völkern zweierlei Maß oder Gerechtigkeit: Eins für die eigenen Stammes- und Religionsgenossen und eins für die Fremden, für die Barbaren. Was der fromme Christ oder Mohammedaner für das größte Verbrechen an seinen Stammes- oder Religionsgenossen gehalten hätte, tat er ohne alle Gewissensbisse an den Fremden. Es ist natürlich, daß bei einem derartigen „internationalen Völkerrecht" eine Handelsreise nur denen möglich war, die überall Stammes- und Religionsgenossen besaßen, bei denen sie im Notfalle Schutz und Hilfe gegen Mißhandlungen der Barbarenvölker finden konnten.**) In dieser Hinsicht waren die Juden günstiger gestellt als alle übrigen Völker und Religionen, An allen Mittelpunkten der alten Welt — besonders in den wichtigsten Handelsstädten (Alexandrien, Bagdad usw.) — gab es mehr oder weniger bedeutende Gemeinden, die den jüdischen Kaufmann, woher immer er kommen mochte, brüderlich aufnahmen. In der allerersten Zeit unserer Diasporageschichte waren diese jüdischen Zentren auch sprachlich verbunden. Die herrschende Sprache Vorderasiens in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung, Aramäisch, war auch in etwas hebraisierter Form die Sprache des größten Teils der damaligen Judenheit Und es ist sicher, wenn die Juden, *) J Schipper, Anfänge des Kapitalismus bei den abendländischen Juden. — J Caro, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter und in der Neuzeit, Bd. 1. — Auch mein Artikel „Fyn cyshprejiyng cy konc&itracjg* Monatsschrift „Dfis näe lebn*, 1911, S. 7—9. **) Ueber die Wirkung der Glaubensgemeinschaft auf die Entwicklung des Handels siehe bei Roscher, Ansichten der Volkswirtschaftslehre IIc* Die Stellung der Juden im Mittelalter.

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