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Die Freistatt · 1913-12-08 · Heft 9 (8.12.1913) · p. Seite 512

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 9 (8.12.1913)
Article
Zur jüdischen Arbeiterbewegung
Date
1913-12-08
Page
Seite 512 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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Ber Borochow, Zur jüdischen Arbeiterbewegung 511 lung über den jüdischen Arbeiter in Rußland (im Jahre 1906): „Es genügt die Tatsache, daß es im Jahre 1897 — möglicherweise auch noch heute — in ganz Rußland keine einzige Fabriksunternehmung gab, wo auch nur tausend jüdische Arbeiter beisammen wären." Diese Klage ist aber in den Tatsachen nicht begründet: Im selben statistischen Sammelbuche der ICA, auf das sich Herr Leszczinski vornehmlich stützt, würde er leicht eine jüdische Tabakfabrik (Schereschewski) in Grodno verzeichnet finden können, die im Jahre 1898—99 1594 jüdische Arbeiter beschäftigte. In der weitverzweigten Literatur der jüdischen, wie auch der allgemeinen rußländischen Arbeiterbewegung wurden im Laufe von Jahrzehnten ganz genaue Korrespondenzen über unzählige Streiks der jüdischen Arbeiter veröffentlicht. Der Schreiber dieser Zeilen hatte Gelegenheit, diese ganze Literatur, die, frei von dem grausamen Zwange der russischen Preßzensur, illegal erschien, zu studieren und konnte darin gar keinen Grund zu übertriebenem ökonomischem Pessimismus finden. So werden in dieser Literatur in den Jahren 1886—1905 mindestens fünfzig jüdische Großbetriebe in Rußland erwähnt, in denen je mehr als 100 jüdische Arbeiter beschäftigt waren. Darunter ist die schon erwähnte Tabakfabrik mit ca, 2000, eine Galanteriewarenfabrik in Warschau mit ca. 1500, zwei Zündhölzchenfabriken mit je 800, eine Tabakfabrik mit 600, eine Porzellanfabrik mit 400 jüdischen Arbeitern usw. Damit soll jedoch nicht gesagt sein, daß die Klagen unserer Golusleugner über die Rückständigkeit des jüdischen Wirtschaftslebens ganz unbegründet sind. Wenn sie auch stark übertrieben sind, enthalten sie doch ein Körnchen von freilich mißverstandener Wahrheit. Es war dumm und ein schreiender Widerspruch, daß man behauptete, das jüdische Proletariat könne sich nicht proletarisieren; ein unbegreiflicher Unsinn war es wenn eine jüdische Arbeiterpartei, und noch eine sozialistische obendrein, versicherte, es gebe überhaupt keine jüdischen Arbeiter im eigentlichen und sozialistischen Sinne. Doch ist es richtig, daß das jüdische Proletariat kein gewöhnliches großkapitalistisches Proletariat darstellt und eine gewisse wesentliche Eigenart besitzt, die ausschließlich auf die historischen Besonderheiten des gesamten Judentums zurückzuführen ist. Sogar den selbstzufriedensten, optimistischsten, bundistischen Schönfärbern der jüdischen Wirklichkeit konnte schließlich die unbequeme Tatsache nicht entgehen, daß in unserer Arbeiterbewegung nicht alles-in bester Ordnung ist. Ich werde noch später auf die Geschichte dieses Urproblems des jüdischen Sozialismus zurückkommen; dann werde ich auch die Wandlungen erörtern, die

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