Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Zur jüdischen Arbeiterbewegung
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 513 (sequence 5)
- Language
- German
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512 Ber Borochow, Zur jüdischen Arbeiterbewegung der bundistische „Gedanke" in dieser Frage durchgemacht hat. Hier sei nur eine bemerkenswerte Aeußerung eines maßgebenden bundistischen Journalisten zitiert: „Zweifelsohne gibt es doch ein Körnchen Wahrheit in dem konfusen Gerede von den Anomalien der jüdischen Wirtschaft. Denn die Frage nach den Bedingungen des wirtschaftlichen Kampfes des jüdischen Proletariats ist keineswegs müßig. Sie wurde zwar schlecht gestellt, konfus gestellt, auf scholastische Weise und wurde auch unrichtig beantwortet. Die Frage aber an und für sich ist ernst. Und sie wird heutzutage eben deshalb aufgeworfen, weil die jüdische Arbeiterbewegung einen großen und schweren Schlag erlitten hat Der realen Wirklichkeit wurde wenig Rechnung getragen, und nun hat die Bewegung eine Schlappe zu beklagen." Dieses wertvolle Geständnis wurde dem bundistischen Optimisten (Herrn W. M. in den „Otkliki Bunda" 1909 Nr. 1) von der Wirklichkeit entrissen, nachdem die Kontrerevolution in Rußland so manche Unzulänglichkeit in Theorie und Praxis unserer Revolutionäre aufgedeckt hatte. Was ist also die ureigenste Eigenart des jüdischen Wirtschaftslebens im allgemeinen und des jüdischen Proletariats im besonderen? Darauf gaben die Poale-Zion noch in der aussichtsvollsten Zeit der Revolution in Rußland, im Jahre 1905—1906, eine klare Antwort. Im Streite gegen den absoluten Pessimismus der Zionisten-Sozialisten (oder S.-S.) betonten die Poale-Zion beständig, daß die jüdische Produktion in der Diaspora dieselben, wenn auch etwas geschmälerten Entwicklungsaussichten habe, wie die Arbeit und Produktion jedes anderen Volkes. Wenn die S.-S. behaupteten, es gebe bei den Juden keine Großindustrie, und es werde nie eine solche geben, pflegten wir im Gegenteil immer die Tatsachen des wirtschaftlichen Fortschritts und Aufblühens zu unterstreichen. Andererseits aber formulierten die Poale-Zion im Kampf gegen den gedanken- und kritiklosen Optimismus des Bundes eine Reihe von prägnanten Anomalien des jüdischen Wirtschaftslebens. Um den Standpunkt der Poale-Zion klarzulegen, müssen wir zunächst eine kurze Einteilung von Produktionszweigen bringen. Indem wir sämtliche Produkte der menschlichen Arbeit in Produktionsmittel, Verkehrsmittel und Gebrauchsmittel einteilen, gelangen wir zu der grundlegenden Gliederung aller Industrie in: Produktion, der Produktionsmittel, Produktion der Verkehrsmittel und Produktion der Gebrauchsmittel. Die Produktion von Produktionsmitteln zerfällt aber ihrerseits in eine Reihe von Gliedern: die Urproduktion der Rohstoffe, die Bearbeitung der Rohstoffe in Halbfabrikate, in Hilfsmaterialien, in Arbeitsmittel und Instrumente. So zerfällt z. B. die gesamte Arbeit, die zur Erzeu-