Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Zur jüdischen Arbeiterbewegung
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 511 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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510 Ber Borochow, Zur judischen Arbeiterbewegung kämpfen erschöpft, wenn auch der nationale Druck von außen und die nationale Bewegung von innen die wichtigsten und maßgebendsten Faktoren der jüdischen Schicksale bilden, so gebührt doch der Arbeiterbewegung ein wichtiger Platz in der neuesten Geschichte unseres Volkes* Der Antisemitismus, die rechtlichen Verfolgungen, die Pogrome, die Auswanderung, der Zionismus, die Renaissance-Bewegung, — das alles kann und wird uns vieles in den Erlebnissen und Wandlungen der jüdischen Massen erklären. Aber nicht alles. Viel und viel Wesentliches wird noch immer bleiben, was nur auf die soziale Bewegung und den Klassenkampf der jüdischen Lohnarbeiter zurückgeführt werden kann. Das ganze jüdische Leben wird von der Arbeiterbewegung auf die eine oder andere Weise beeinflußt: Die politische Rechtslage des gesamten Volkes, das Verhältnis unserer Nachbarn zu uns, Inhalt und Form des jüdischen Selbstbewußtseins, die wirtschaftlichen und kulturellen, die inneren und äußeren Kämpfe unseres Volkes. Die folgenden Skizzen werden das Wesen und die Formen, die Entwicklung und die nationale Wirkung der jüdischen Arbeiterbewegung, hauptsächlich in Rußland, zu erörtern suchen. * Bevor wir auf die einzelnen Fragen der Arbeiterbewegung eingehen, wollen wir zuerst eine allgemeine Charakteristik der jüdischen Industrie und des jüdischen Wirtschaftslebens überhaupt zu geben versuchen. Bekanntlich herrscht in der jüdischen Industrie der Typus der kleinen Unternehmung, des handwerksmäßigen oder manufakturartigen Zwergbetriebs, im jüdischen Handel — der des kleinen Krämers oder Hausierers. Diese unleugbare Tatsache der Zurückgebliebenheit der jüdischen Wirtschaft ist es, auf deren Grund von den extremsten Golus-Pessimisten (den S.-S.) ganze Theorien über eine fatale „Nichtproletarisierung" und „Nichtindustrialisierung" des jüdischen Proletariats aufgebaut wurden. Man übertrieb jedoch diese Tatsache allzusehr. Denn wenn auch die herrschende Form des jüdischen Gewerbes noch immer der kleinbürgerliche Zwergbetrieb ist, so lassen sich andererseits auch merkliche Beweise für die steigende Produktivität der jüdischen Industrie, wie auch für die Modernisierung des jüdischen Handels bringen. Ganz abgesehen von den riesigen modern-kapitalistischen Unternehmungen mit Hunderten und Tausenden von jüdischen Arbeitern in den Einwanderungszentren Nordamerikas, darf man auch in Rußland und Galizien die Sachlage nicht gar zu düster beurteilen. So sagt einer der ehemaligen Theoretiker der Nichtproletarisierungs- und Verelendungstheorie, Herr J. Leszczinski, in seiner Abhand-