Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Kultur oder Fetisch?
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 508 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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A. S. Juris, Kultur oder Fetisch? 507 mich auch nicht darum, ob langes oder kurzes Leben dem Golus-Jiddisch beschieden ist. Ich betrachte es aber als selbstverständlich und Ehrenpflicht, bis zum letzten Tropfen Blut diesen unseren wichtigsten nationalen Posten zu verteidigen. *) Noch aber lacht uns das Leben. Uralte Kräfte, die schlummerten, werden wirkend. Wer ein feines Ohr hat, der hört *) Jiddisch ist auch der einzige Damm gegen Entfremdung und — Schmach. Was kann einen jungen Ohne-Dogma-Juden an sein Volk knüpfen? Sprache und Kultur Die jüdische Religion hat die Macht über die Studentenseelen verloren. Eine hebräische Universität ist ein schwacher Ersatz, Wer sonst wurzellos ist und zur Taufe bereit, den werden die wenigen Jahre des Fachunterrichtes im Hebräischen und eine abstrakte, mit dem Volke los zusammenhängende, nicht lebendige Kultur nicht lang fesseln können. Das hieße, Karrierenseelen den Weg erleichtern, die meinetwegen sich taufen mögen. Ferner wird die Universität „ultra montes" auf dem Margines des jüdischen Lebens gebaut* Ich denke, daß man ein Uebel nur mit den Wurzeln aus der Welt schaffen kann. Jüdische Volksschule tut uns not! Jüdische Erziehung, die geistig und seelisch den Intelligenten an das Volk kettet und das Wesen seiner Individualität ausmacht Wer so viel zu verlieren hat, verzichtet nicht so leichtfertig auf den Bund mit seinem Volke. Das vermag kein hebräisches Gymnasium, keine hebräische Universität Ich habe prinzipiell nichts dagegen, daß 100000 Juden ihre eigenen Schulen, Gymnasium, Universität besitzen sollen — wenn sie wollen oder können. Auch bin ich nicht prinzipiell gegen das Hebräische an dieser Universität, so wenig wie gegen ein Sanskrit Institut für die Juden Wilnas, Ich gönne auch der hebräischen Sprache und Kultur einen Ruhe- und Sammelplatz. Nur möchte ich eine bescheidene Frage stellen: Heißt das Oekonomie der nationalen Energie — wenn wir iür 9 Millionen Juden uns zu keiner einzigen Volksschule aufraffen konnten, und in derselben Zeit für nur 100000 Juden Volksschulen Seminare, Gymnasien, Technikum, Universität, Bezalel — und Yemenitenäuser bauen? Greifen wir Galizien heraus im Jahre 1913* Ein Jahr des Elends und der Not. Auch Galizien hat seine hungernden obdachlosen Yemeniten. Auch in Galizien ist die Jugend dem Volke entfremdet. Eine passive Masse ohne moderne Kultur, — eine intelligente Jugend ohne jüdische Erziehung den feindlichen Kräften zur Abschlachtung ausgeliefert. Keine jüdische Volksschule, keine Gewerbeschule, nicht die geringste ökonomische Selbsthilfe. Wer jung ist und das Elend nicht mit ansehen kann, greift zum Wanderstabe. Es bleiben Greise, Schwache und Kinder, ganze Städte verödet und trauervoll, weil ihnen mit der Jugend das Leben entzogen wurde Und wir, — wir sammeln 100000 Kronen für ein hebräisches Gymnasium in Jerusalem. Haben wir Ueberschuß an Kräften, oder heißt das Raubbau? Uns schickt man in hebräische Kurse, denn „Safah Berurah* heilt alle Wunden. Wir, der „Verelendung" preisgegeben, schenken alles unserem palästinensischen Bruder, mag er übersättigt und feist werden. Palästina sollte uns dienen und befreien — wir aber züchten dort eine Herrenklasse und sind selbst Sklaven geblieben — „Bettler an fremden Tischen und nähren uns mit Brocken aus fremden Tellern**