Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Kultur oder Fetisch?
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 507 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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506 A. S. Juris, Kultur oder Fetisch? stehe: Unsere historische Jugend ist mir teuer — wie jede Jugend, und jede Jugend wird herbeigewünscht —, nur wollen wir nicht auf unser Reifezeugnis verzichten. Noch fühlen wir uns nicht so alt, um Kind werden zu müssen. Niemanden soll es wundern, wenn ich, lebendiges Sprechen einem Lallen vorziehend, glaube, daß wir eher aus einer lebendigen Sprache eine Sprache der Schrift und der Kultur schaffen werden, als aus einer toten Schriftsprache eine Sprache des Lebens.*) Nun soll aber der Boden unter uns unterwühlt sein, und wir auf Sand bauen und für den Wind: Der Golus und seine Sprache befinden sich im Prozeß der Auflösung und des Verschwindens. Ich weiß nicht, wo uns der Morgen aufgehen wird, aber ich weiß, an welchen Stellen unser Heute blutet. Nur das eine wäre mir noch begreiflich: Das Bauen des Zukunftstempels mit der einen, das Verteidigen des gegenwärtigen Lebens mit der anderen Hand — wie in den guten Zeiten Esras. Das wäre zumindest ein ehrenvoller Rückzug mit Pfeilen in der Brust. Alles andere ist Flucht, und Fahnenflucht ist es, bedrohte Positionen freiwillig aufzugeben. Ja! Es ist der Golus-Geist, der aus mir spricht, der über „Land und Sprache" lacht, der in der Vielheit der Formen die Einheit seines unsterblichen Wesens manifestiert: die Unendlichkeit in der Endlichkeit. Es ist der Golus-Geist, der keine Gefahren scheut und froh in die Zukunft blickt. Es ist der „Garn se ltoiwe "-Geist, der unverwüstliche jüdische Optimismus, der auf seine Kraft baut, mag unter seinen Füßen ein Vulkan brodeln —, der in seinem reichen, vielgestaltigen und buntfarbigen andersartigen Schaffen und Ringen keine Anomalie und keine Entartung sieht — Schönheit nur und Genialität Golus-Geist und Golus-Psychologie sind es, die im Jiddischen leben* Ich leugne es nicht. Es ist ein neues Ghetto und gleich unserem alten — nicht eines der Finsternis, sondern des Lichtes. Eine sichere Festung und ein streitbarer Panzer; ohne Achillesferse. Leute aber, die sich so sehr für äußere Bollwerke und nationale Feuerwände erhitzen, sollten doch begreifen, daß infolge der immer mehr ins Breite und Tiefe gehenden Auflösung der traditionell-religiösen Lebensformen Jiddisch die einzig übriggebliebene nationale Lebensform, den letzten Rest der inneren und äußeren Selbständigkeit, die einzige Grundlage einer national-kulturellen Autonomie, einer national-jüdischen Schule darstellt. Ich weiß nicht und kümmere *) Für die neue jiddische Kultur bleibt das Hebräische wertvoll als Sprachelement und -Schatz jüdischer Kultur-Werke. Dieser innere Wert gibt dem Hebräischen einen ,Mi$roch*-Platz im Pantheon des jüdischen Volkes.