Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Kultur oder Fetisch?
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 506 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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A. S. Juris, Kultur oder Fetisch? 605 Stämme Rechabeam und seinem Fetisch-Tempel zufallen werden; die übrigen zehn werden treu zu Israel halten und setner Sprache, Die Entstehung der jüdischen Sprache und Kultur betrachte ich als eine Revolution der Kleinen und als einen Kampf um Kultur für das Volk. Als Jerusalem fiel — wer baute den Talmud, die Mischno, Gmoro, Pirke- Owes? — Es waren Volksleute, Arbeitsmänner. Die Ghetti schufen die Möglichkeit, daß der geringste im Volke an der nationalen Kultur als Schöpfer und Genießer Anteil nehmen konnte. Die neue Zeit zertrümmerte die Mauern der Ghetti und gleichzeitig deren geistige Bollwerke: die national-religiösen Formen und Sitten. Das hebräische Schrifttum wird mehr und mehr zum Privileg einer Klasse und eines Geschlechts. Jiddisch erst brach dies Kasten-Privileg und wurde zum Träger der heiligen Golus-Tradition: Jiddisch zeigt den Anteil der Kleinsten im Volke an dem Aufbau und Genuß der nationalen Kultur. Es sind wieder Schneider, Tischler, Schmiede, die den neuen Talmud, den Talmud der jüdischen Schönheit aufbauen. Es kehren heim zum Jiddisch einzelne Intelligenzier, aber die da kommen sind sicher die Elite, die die große revolutionär-kulturelle Bedeutung des Jiddischen begriffen haben. Einstweilen haben wir nur schöne Literatur, dazu wissenschaftliche Uebersetzungen und Journale; Aber zuerst waren Hesiod und Homer, dann kamen Plato und Aristoteles. So wird es auch bei uns sein, und wir hoffen an eine große Kultur in dieser Sprache, die in Wilna und Krakau, in London und Berlin, in New-York und Buenos- Aires, in Johannesburg und Jaffa-Jerusalem gesprochen wird, und die Möglichkeit hat, mit allen Kulturen in nahe Berührung zu kommen und zu lernen. Die Assimilation fremder Werte fürchte ich nicht. Ich betrachte sie als Fortschritt, sofern sie keine trottelhafte Nachahmung ist, denn ich glaube an den gestaltenden jüdischen Geist, der in allen lebendigen Sprachen der Juden volle menschliche und jüdische Werte hervorbringen wird — und was das wichtigste: Kultur für das Volk. Mir macht Bialik das Hebräische wertvoll, der Talmud das Aramäische, More Nebuchim das Arabische, der jüdisch-allzujüdische Heine die deutsche Sprache — und „die goldene Kette" (ein jüdisches Volkslied) unser golden Jiddisch. Man wird mir vorwerfen: Es ist der Golus-Geist, der in mir spukt. Ich weiß nur eins: Der Golus-Geist ist derselbe Geist, der Moses und die Propheten beseelte, der in Joschua Hanozri und im Wilnaer Gaon lebt, im Sabatai Zwi und Spinoza, im Isroel Beseht und Gerschuni — so auch im Jiddischen. Ich ge«