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Die Freistatt · 1913-12-08 · Heft 9 (8.12.1913) · p. Seite 505

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 9 (8.12.1913)
Article
Kultur oder Fetisch?
Date
1913-12-08
Page
Seite 505 (sequence 6)
Language
German
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504 A. S. Juris, Kultur oder Fetisch? im Munde des Volkes die geringsten Aussichten. *) Wenn sie aber dazu führt, eine Scheidewand zwischen der Intelligenz und dem Volke aufzurichten, dann verursacht sie eine gefährliche und für die Kultur und Zukunft des Volkes geradezu Verhängnis* volle innere Spaltung. Denn die Sprache des Volkes ist „Jiddisch" — die Sprache von neun Millionen Juden. Ist dem so, so kann deren Kultur nur in dieser Sprache, solange das Volk dieselbe spricht, Ausdruck finden — in keiner anderen. „Jiddisch" ist nicht nur eine Volkssprache, „Jiddisch" ist jüdisch im weitesten und tiefsten Sinne des Wortes. Was ist eine Sprache ohne Volk? Nichts! Was kann sie werden, wenn das Volk sie spricht? Alles! Alles, weil es der Geist und die Seele des Volkes sind, die diesem Stoffe Blut und Leben zuführen. Deshalb betrachte ich Jiddisch als Großtat des jüdischen Geistes. Es war eine weidfremde Sprache, der Jude berührte sie, schloß sie in sein Herz, und wie durch Zauberkraft wurde sie jüdisch, auf dem natürlichsten Wege. Die neue, immer mehr in Aufwärtsentwicklung begriffene jiddische Literatur gab ihr die Sabbathweihe. Die Sprache ist soweit ausgebildet, daß man in ihr die feinsten seelischen Regungen und die tiefsten philosophischen Gedanken ausdrücken kann. Was noch mehr den Wert derselben für eine Volkskultur erhöht, ist — daß nicht nur die Sprache als solche, sondern die ganze „jiddische" Kultur Schöpfung des Volkes selbst ist. Aus den niedrigsten Schichten des Volkes sind sie hervorgegangen, die jüdischen Schöpfer und Künstler: die Mendale, Asch, Weißenberg, Einhorn. Deshalb atmen sie etwas urkräftiges und wurzelfestes. Sie schenken uns den Boden, den jüdischen Boden. So bleibt das Volk selbst Schöpfer, Träger und Genießer dieser Kultur. Intelligenz und Bürgerschaft wurden fahnenflüchtig. Ihnen behagt es in den Phrasen im Munde führen, sie schaffen eine neue Assimilation, Phrasen im Munde führen, sie schaffen eine neue Assimilation und teilen das Volk in zwei Teile, die miteinander nichts gemeinsames haben. Wir wollen hoffen, daß höchstens zwei *) Soweit in Palästina hebräisch gesprochen wird, scheint mir das eine künstliche Erscheinung zu sein, und mein Instinkt sagt mir, daß die Mehrheit nicht hebräisch spricht, und daß von allen Sprachen auch dort Jiddisch am stärksten vertreten ist. An ein spezielles Kulturzentrum glaube ich nicht. Noch weniger kann mich ein hebräisches Kulturzentrum entzücken, das dem Gesamtjudentum fremd gegenüber stehen muß. Von geistigen Wechselwirkungen kann dabei keine Rede sein. Auf die Parole: „Hebraisiert den Golus" — antworten wir: .Macht den Jischew jiddisch*, — und vielleicht wird so der Jischew ein Zentrum der jüdischen Kultur, eines der vielen. Das ganze Gerede von einem geistigen Zentrum ohne Massenzentrum halte ich für einen krassen Unsinn.

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