Mannheim
Compact Memory

Die Freistatt · 1913-12-08 · Heft 9 (8.12.1913) · p. Seite 504

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 9 (8.12.1913)
Article
Kultur oder Fetisch?
Date
1913-12-08
Page
Seite 504 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3119801-3119802-3119810-3121101--0938-3121193
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

A. S. Juris, Kultur oder Fetisch? 503 Diaspora, die in allen Beziehungen dem Mutterlande voranging. Die große hat dann den jüdischen Geist von den Ketten der Erde, den urewigen Vorurteilen einer Bauernklasse und der Verknöcherung einer eventuellen feudalen Aristokratie bewahrt Wir wurden zu einem Stadtvolk und züchteten eine Aristokratie des Geistes, die den Geringsten aus dem Volke aufnahm. Wir befreiten uns von den Ketten des Staates als solchen, der gewaltige Kräfte der Völker aufsaugt. Aeußerlich Sklaven, fühlten wir uns innerlich frei und sahen in unsern Bedrückern knechtische Seelen. Unser Geist befreite sich von einem Lande und einer Sprache, erschloß sich allen Sprachen und Kulturen — und blieb jüdisch. Hier zeigte sich die Stärke des jüdischen Geistes. Das nicht an Land und Sprache gefesselte jüdische Volk wurde zum Träger und Schöpfer aller revolutionären Ideen der Kultur-Menschheit — und auch zum Märtyrer derselben; es wurde zum Christus-Volke, das tagtäglich auf Golgatha gekreuzigt worden ist. Im Golus wurde der palästinensische Bauer und Hirt zum Juden und Menschen. Fast in allen Kulturen sind Spuren unseres Geistes zu finden. — In vielen Sprachen schufen wir bewußtjüdische Werte, auf dem Gebiete der Religion, wie auf denen der Kunst und Philosophie. Die das Riesenwerk des jüdischen Geistes schufen, liebten das Hebräische nicht weniger als die modernen „Histhadruthaner", und doch schufen sie ihren Talmud in der Sprache des Volkes, im Aramäischen. Sie waren eben nicht Götzendiener der alten Sprache, sondern schufen Kultur in der Sprache des Volkes. Die besten Werke der arabischspanischen Epoche sind im Arabischen entstanden. Das Hebräische war ein treuer Begleiter des jüdischen Volkes auf aller seinen Wanderungen. Es gab keine Epoche in der jüdischen Geschichte, in der es nicht mit neuen Schätzen bereichert worden ist. Daß es heute immer mehr an Boden verliert, daß eine Zeit kommen kann, wo das Volk der Bibel nicht mehr die Bibel versteht — das gehört zu den schlimmsten Zeichen der Gegenwart. Wenn hier eine ernsthafte Gegenbewegung einsetzte, wäre das unbestreitbar eine kulturelle Tat, wohlgemerkt für die Intellektuellen und Bürgerlichen — weniger für die breiten Volksmassen, für die arbeitenden am wenigsten. Die jüdische Masse führt einen bitteren Kampf um Brot; und wenn man bedenkt, daß das jüdische Kind sehi früh die Volksschule verlassen muß, um in die Werkstätte, die Fabrik oder den Laden einzutreten, so ist es zynischer Hohn, diese Massen in hebräische Sprachkurse zu zwingen. Deshalb hat die Bewegung zur Belebung der hebräischen Sprache

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.